Bundesamt für Naturschutz

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Ökologie & Lebenszyklus

Ökologie der Art

Die Zwergfledermaus hat ihre Wochenstubenquartiere vorwiegend im Siedlungsbereich, sehr selten in Waldgebieten. Wochenstubenquartiere sind zumeist enge Spaltenräume in und an Gebäuden häufig hinter Verkleidungen, in Hohlräumen in der Fassade, hinter Fensterläden, in Hohlblocksteinen, in Dachräumen oder Zwischendächern. Wochenstuben in Fledermaus- und Vogelkästen, Baumhöhlen oder hinter loser Borke kommen nur sehr selten vor und sind meist klein (25-50 Tiere) (Grimmberger & Bork 1978, Simon et al. 2004, Tress 1994). In Gebäuden umfassen die Kolonien meist 50-100 Individuen, es sind aber auch Kolonien mit bis zu 250 Tieren bekannt (Dietz et al. 2007). Die Zwergfledermaus wechselt häufig ihr Quartier (Sammelquartiere ungefähr alle 6-14 Tage). Die maximale bekannte Entfernung der verschiedenen, genutzten Quartiere zueinander beträgt bis zu 15 km (Feyerabend & Simon 1998). Die Männchen verbringen den Sommer meist einzeln und besetzen in dieser Zeit Paarungsquartiere und Paarungsterritorien (Tress 1994).

Die Zwergfledermaus ernährt sich überwiegend von 1-12 mm großen, fliegenden Insekten (Hoare 1991), vor allem Mücken. Im April findet sich ein erhöhter Anteil von Fliegen, in der Sommermitte von Kleinschmetterlingen, in der Nahrung (Barlow 1997, Eichstädt & Bassus 1995, Swift et al. 1985). Als Jagdgebiete nutzt sie nahezu alle Landschaften, die einen Bezug zu Gewässern, Busch- und Baumbeständen aufweisen (Eichstädt & Bassus 1995, Simon et al. 2004). Die Zwergfledermaus fliegt häufig entlang von Leitelementen wie Hecken, Baumreihen, Feldgehölzen etc. in ihre Jagdgebiete (Ohlendorf 1983, Racey & Swift 1985).

Nach Auflösung der Wochenstuben sind häufig Flüge (sogenannte Invasionen) in Gebäude zu beobachten (Tress 1994). Invasionen finden von Mitte August bis September statt. Sie erfolgen häufig in der Nähe der Winterquartiere. Dieses Verhalten dient vor allem der Informationsweitergabe an die Jungtiere. Diese lernen so überlebenswichtige Ausweichquartiere in der Umgebung der Winterquartiere kennen (Godmann & Rackow 1995, Rackow & Godmann 1996, Sachteleben 1991, Simon et al. 2004). Jedoch kann dieses spezifische Erkundungsverhalten der Art zum Nachteil werden, da immer wieder große Gruppen von Zwergfledermäusen verunglücken, weil sie häufig nicht mehr aus den Invasionsorten herausfinden (Hermanns 1997, Simon 1998, Simon et al. 2004).

Während der sommerlichen Erkundungsflüge zu den Winterquartieren, die bereits Ende Mai beginnen, legen die Zwergfledermäuse Entfernungen bis zu 40 km zurück (Feyerabend & Simon 1998, Sendor et al. 2000a, Simon et al. 2004). Das Massenwinterquartier im Marburger Landgrafenschloss z.B. erkunden während der Sommermonate bis zu 30.000 Zwergfledermäuse aus der ganzen Umgebung (Simon et al. 2004). Obwohl von der Zwergfledermaus Langstreckenwanderungen bis 1.200 km bekannt sind, gelten zumindest die mitteleuropäischen Zwergfledermäuse als standortgebunden und unternehmen nur relativ kurze saisonale Standortwechsel mit Distanzen bis zu etwa 50 km (Grimmberger & Bork 1978, Haensel 1971, 1992, Simon 1998, Tress 1994). Die Winterquartiere befinden sich überwiegend oberirdisch in und an Brücken und Gebäuden, in Gewölbekellern, in Ritzen, Hohlsteinen, Mauer- und Felsspalten, aber auch in trockenen unterirdischen Hohlräumen, Kellern und Stollen (Eichhorn & Simon 1998, Schweizer & Dietz 2000, Tress 1994). Neben den für die Zwergfledermaus bekannten Massenwinterquartieren mit über 1.000 überwinternden Tieren (im Marburger Landgrafenschloss sogar bis zu 5.000 überwinternde Individuen (Sendor & Simon 2000)) existieren auch zahlreiche kleinere Quartiere an Gebäuden in kleinsten Spalten, Rissen und Ritzen, in denen kleinere Gruppen von nur ca. 10 Tieren überwintern (Kretzschmar & Heinz 1995, Smit-Viergutz & Simon 2000, Uhrin 1995). Auch Wechsel zwischen verschiedenen Winterquartieren sind bekannt (Haensel 1992, Simon & Kugelschafter 1999).

Das bisher nachgewiesene Höchstalter einer Zwergfledermaus lag bei 16 Jahren und sieben Monaten (Thompson 1989).

Beschreibung des Lebenszyklus im Zusammenhang mit Landnutzungsaktivitäten

Je nach Witterung wandern bereits im Januar die ersten Tiere aus den Winterquartieren ab. Von Februar bis April verlassen auch die restlichen Zwergfledermäuse die Winterquartiere (Grimmberger & Bork 1978, Simon & Kugelschafter 1999). Die Weibchen sammeln sich von April bis August in den Wochenstubenquartieren (Tress 1994) um ihre Jungen zur Welt zu bringen. Die Jungen werden im Zeitraum von Juni bis Anfang Juli geboren (Schober & Grimmberger 1998). Zwillingsgeburten sind in Mitteleuropa keine Seltenheit. Mit spätestens 4 Wochen sind die Jungen selbstständig (Stutz & Haffner 1985). Ab Mitte August lösen sich die Wochenstuben auf und es sind fast nur noch Jungtiere in den Wochenstuben anzutreffen. Die erwachsenen Weibchen werden von den Männchen in Gruppen von bis zu 10 Tieren in die Paarungsquartiere gelockt (Schober & Grimmberger 1998). Die Zwergfledermäuse verpaaren sich aber auch noch im Winterquartier oder direkt nach Beendigung des Winterschlafs. Nach dem Auflösen der Wochenstuben invadieren die Zwergfledermäuse und Anfang November beginnt dann der herbstliche Einflug zur Überwinterung in den Winterquartieren (Sendor et al. 2000b).

Zusammenhänge zwischen dem Lebenszyklus und Landnutzungsaktivitäten treten hauptsächlich während der Phase der Jungenaufzucht auf. In dieser Zeit benötigen vor allem die Weibchen eine gute Nahrungsgrundlage, um den gesteigerten Energiebedarf decken zu können. Die Vielgestaltigkeit der Landschaft sichert der Zwergfledermaus ein reichhaltiges Nahrungsangebot. Daher wirken sich alle Formen der landwirtschaftlichen Nutzung, die zu einer Vereinheitlichung der Landschaft führen, negativ auf das Nahrungsangebot der Zwergfledermaus aus. Umbrüche von Wiesen in Ackerland, das Zusammenlegen kleiner Parzellen zu großen Bewirtschaftungseinheiten und der damit verbundene Wegfall von Kleingewässern, Säumen, Hecken, Ufer- und Feldgehölzen etc. verändert die Jagdgebiete auf negative Weise. Da die Zwergfledermaus außerdem stufenreiche Waldrandbereiche als Jagdgebiete nutzt, können an dieser Stelle Beeinträchtigungen durch forstwirtschaftliche Nutzung auftreten. Durch die Pflege und den Erhalt natürlicher, stufenreicher Waldränder mit einheimischen Sträuchern und Gehölzen durch die Forstwirtschaft kann das Nahrungsangebot für die Zwergfledermaus verbessert werden. Auch durch einen verringerten Insektizid- und Herbizideinsätze in Land- und Forstwirtschaft steigert sich das Nahrungsangebot für die Zwergfledermaus.



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