Bundesamt für Naturschutz

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Ökologie & Lebenszyklus

Ökologie der Art

Als wahrscheinlich ursprüngliche „Felsfledermaus“ bezieht die Zweifarbfledermaus ihre Wochenstubenquartiere ersatzweise vorwiegend an versteckten Plätzen auf Dachböden von Wohnhäusern und Scheunen. Man findet sie zwischen Balken, Brettern und Dachlatten im Dachfirst, sowie unter Verkleidungen von Schornsteinen, unter Fensterläden oder unter Holzwandverschalungen (Hermanns et al. 2001, Safi 2006). Eine Wochenstube umfasst meist 20-60, die bislang größte nachgewiesene Wochenstube über 300 Weibchen (Baagøe 2011, Safi 2006). Häufig werden mehrere nah beieinander gelegene Quartiere genutzt und diese oft gewechselt (Blant & Jaberg 1995). Typisch für die Zweifarbfledermaus ist das Zusammenschließen der Männchen zu individuenstarken Männchenkolonien (Meschede & Heller 2000, Stutz & Haffner 1983/84), die bis zu 300 Tiere umfassen können (Richarz 1989, Safi 2006). Zweifarbfledermausmännchen wechseln ihre Quartiere ebenfalls sehr häufig und nutzen daher die einzelnen Quartiere vergleichsweise kurz: oft nur einige Tage, selten länger als vier Wochen (Blant & Jaberg 1995, Freitag 1993, Liegl 2004, Safi 2006). Sowohl die Männchenquartiere, als auch die sommerlichen Tagesquartiere von Einzeltieren befinden sich überwiegend in Spalten von Gebäuden (Hermanns et al. 2001). Sehr selten werden Einzeltiere in Nistkästen gefunden (Baagøe 2011, Safi 2006, Vollmer 2009, Zöllick et al. 1989).

Die Zweifarbfledermaus ernährt sich hauptsächlich von wasserlebenden Insekten wie Zuckmücken (Burger 1999, Jaberg et al. 1998), die sie über größeren Stillgewässern und langsam fließenden Strömen, häufig hoch über der Wasserfläche erbeutet (Meschede & Heller 2000, Safi 2006). Zu ihrer Nahrung gehören auch Köcherfliegen, landbewohnende Netzflügler und Blattläuse sowie Nachtfalter und Käfer (Burger 1999, Jaberg et al. 1998). Sie kann im Offenland in 7-12 m, aber auch in bis zu 30 m Höhe über dem Boden jagend beobachtet werden (Hinkel 1991, Skiba 2009). Bei der Nutzung der Jagdgebiete wurden geschlechterspezifische Unterschiede beobachtet (Jaberg et al. 1998, Safi 2006, Safi et al. 2007, van Toor et al. 2011). Die Weibchen bevorzugen für die Jagd vor allem größere Wasserflächen oder deren Uferbereiche sowie Siedlungsgebiete (z.B. an Straßenlampen). Männchen hingegen jagen bevorzugt im Offenland (landwirtschaftlich genutzte Flächen, Wiesen) oder auch über und an Wäldern und Fließgewässern. Ihre Jagdgebiete sind meist größer und weiter von den Quartieren entfernt gelegen (5,7 km), als die der Weibchen (2,4 km) (Safi 2006).

Zur Paarungszeit sind laut balzende Männchen an Felsen, Steinbrüchen, sowie an hohen Gebäuden wie Kirchen und Hochhäusern zu beobachten. Vermutlich werden Fels- oder Gebäudespalten als Paarungsquartiere genutzt (Liegl 2004). Die Zweifarbfledermaus kann sowohl in der Nähe ihrer Sommerlebensräume überwintern (Červený & Bürger 1989) als auch in weit entfernte Gebiete fliegen.

Die bislang längste nachgewiesene Flugstrecke der Zweifarbfledermaus lag bei 1.787 km (Masing 1989). Wegen ihrer späten Balz (bis in den Dezember) und Nachweisen in über 1.200 m Höhe gilt die Zweifarbfledermaus als kältetolerante Art (Meschede & Heller 2000).

Die Wintermonate verbringt die Zweifarbfledermaus ebenfalls überwiegend in Spalten von Gebäuden. Seltener sind Nachweise in Stollen, Höhlen und Kellern (Červený & Bürger 1989, Rackow 1994).

Das bislang ermittelte Höchstalter der Zweifarbfledermaus liegt bei 12 Jahren (Červený & Bürger 1989).

Beschreibung des Lebenszyklus im Zusammenhang mit Landnutzungsaktivitäten

Ab Ende April/Anfang Mai treffen die ersten Weibchen der Zweifarbfledermaus in den Wochenstubenquartieren ein (Hinkel 1991, Safi 2006). Die Geburten finden von Ende Mai bis in die zweite Hälfte des Junis statt, wobei der hauptsächliche Geburtenzeitraum Anfang Juni liegt (Hinkel 1991). Da die Weibchen der Zweifarbfledermaus als einzige europäische Fledermausart vier Milchzitzen aufweisen, scheint es grundsätzlich möglich, dass ein Weibchen bis zu vier Jungtiere aufziehen kann (Zöllick et al. 1989). Jedoch scheinen Zwillingsgeburten die Regel zu sein. Vier bis fünf Wochen nach ihrer Geburt sind die Jungtiere flugfähig. Ab Mitte/Ende Juli löst sich die Wochenstube wieder auf (Hinkel 1990, 1991, Safi 2006). In der Wochenstubenzeit leben die Männchen getrennt von den Weibchen in Einzelquartieren oder in Männchenkolonien. Sie können ab Ende April, häufiger ab Mitte Mai, in ihren Quartieren angetroffen werden (Blant & Jaberg 1995, Liegl 2004, Safi 2006). Schon im Juli lösen sich viele Männchenkolonien wieder auf (Liegl 2004). Ab September bis spät in den Dezember können die Männchen balzend beobachtet werden (Liegl 2004, Meschede & Heller 2000). In dieser Zeit erfolgt auch die Paarung (Dietz et al. 2007). Von November/Dezember bis wahrscheinlich März/Anfang April bezieht die Zweifarbfledermaus ihr Winterquartier (Skiba 2009, Zöphel & Wilhelm 1999).

Da die Zweifarbfledermaus sowohl ihre Wochenstuben-, als auch ihre Winterquartiere, höchstwahrscheinlich auch ihre Paarungsquartiere, fast ausschließlich in bzw. an Gebäuden hat, ist eine Beeinträchtigung der Quartiere durch Landnutzungsaktivitäten nicht zu erwarten. Die Zweifarbfledermaus fliegt in großen Höhen im freien Luftraum und ist daher nicht wie viele andere Fledermäuse zur Orientierung an Leitelemente wie Hecken oder Baumreihen gebunden. In der Wochenstubenzeit und vor allem während der Aufzucht der Jungtiere ist sie jedoch auf insektenreiche Jagdgebiete angewiesen. Somit können Landnutzungsaktivitäten, die zu einer Abnahme der Nahrungsgrundlage führen, die Zweifarbfledermaus beeinträchtigen. Dazu zählt vor allem der Einsatz von Insektiziden und Herbiziden in der Land- und Forstwirtschaft.