Bundesamt für Naturschutz

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Ökologie & Lebenszyklus

Ökologie der Art

Als Wochenstubenquartier nutzt die Wimperfledermaus vor allem größere Dachstühle von Kirchen und größeren Gebäuden, die relativ hell sind und konstante, mäßig warme Temperaturen aufweisen (Friemel & Zahn 2004). Dort hängt sie sich, meist in dichten Gruppen mit engem Körperkontakt, frei an Balken und Bretter (Zahn & Henatsch 1998). Im Laufe der Wochenstubenzeit wird der Hangplatz häufig gewechselt. Als Ein- und Ausflugöffnung bevorzugt die Wimperfledermaus Fenster oder andere Öffnungen, die einen freien Durchflug ermöglichen. Andere Quartiertypen, wie Spaltenquartiere an Gebäuden, nutzt die Art so gut wie gar nicht. Die Wimperfledermaus hat häufig nur ein Wochenstubenquartier, kann aber auch mehrere Wochenstubenquartiere gleichzeitig nutzen, zwischen denen dann Quartierwechsel stattfinden (Reiter & Zahn 2006). Einige wenige, getrennt hängende Männchen können ebenfalls in den Wochenstubenquartieren angetroffen werden. Die meisten Männchen leben jedoch einzeln, getrennt von den Wochenstuben in Sommerquartieren. Neben Dachböden sind Einzelfunde aus Nistkästen und Baumhöhlen (Kretzschmar 2003), hinter abstehender Borke oder aus Ställen, Heuschobern und Holzschuppen bekannt (Holzhaider 1998, Krull 1988).

Die Jagdgebiete der Weibchen liegen während der Wochenstubenzeit meist innerhalb einer Distanz von ca. 8 km vom Wochenstubenquartier entfernt (Zahn et al. 2010). Sie befinden sich vor allem in unterwuchsreichen Laubwäldern, Waldrändern, entlang von Gehölzstreifen an Fließgewässern, Obstwiesen und in Kuhställen (Dietz et al. 2007, Zahn et al. 2010). In Siedlungsnähe sind die Jagdgebiete (Kuhställe, Obstwiesen, Gärten, Parks) der Wimperfledermaus im Vergleich zu den Gebieten im Wald relativ klein (Brinkmann et al. 2001). Auf dem Weg dorthin werden in der Regel Leitelemente wie Hecken, Baumreihen und Gewässer begleitende Gehölze zur Orientierung genutzt (Brinkmann et al. 2001, Krull et al. 1991, Zahn et al. 2010). Die Wimperfledermaus gehört zu den Fledermausarten, die ihre auf dem Untergrund sitzenden Beutetiere im Flug absammeln. Hierbei werden neben Schmetterlingen, Käfern, Fliegen und Netzflüglern sonstige Insekten und Spinnen erbeutet (Friemel & Zahn 2004, Goiti et al. 2011, Steck & Brinkmann 2006). Die Jagdphasen innerhalb einer Nacht sind meist sehr lang. Sofern das Wetter es erlaubt, wird nur wenige Minuten pro Nacht pausiert (Huet et al. 2002).

Paarungen können im Spätsommer vereinzelt im Wochenstubenquartier stattfinden (Brinkmann et al. 2001). Außerdem berichten Brinkmann et al. (2001) vom Fund dreier Weibchen und eines Männchens im August unter einem Balkon. Eventuell finden auch Paarungen im Winterquartier statt.

Die Wimperfledermaus ist eine ortstreue Fledermausart. Es finden keine weiten Wanderungen zwischen Sommer- und Winterquartier statt. Die weiteste Strecke zwischen Fang- und Wiederfundort beträgt 106 km (Topál 2011). Die Winterquartiere der Wimperfledermaus befinden sich in Höhlen und Stollen mit konstanter Temperatur, in denen die Tiere frei hängen (Dietz et al. 2007). Innerhalb der Stollen werden wärmere Bereiche von 7,2°C bis 11,9°C mit sehr hoher Luftfeuchtigkeit bevorzugt (Kretzschmar 2003).

Das nachgewiesene Höchstalter der Wimperfledermaus liegt bei 16 Jahren (Schober & Grimmberger 1998).

Beschreibung des Lebenszyklus im Zusammenhang mit Landnutzungsaktivitäten

Nach dem Winterschlaf sammeln sich die Wimperfledermäuse ab Anfang Mai in den Wochenstubenquartieren. Die Größe der Wochenstuben kann stark variieren. Es wurden in Deutschland sehr kleine Wochenstuben von 2-20, häufig mittelgroße von 50-200 Tieren und immer wieder Wochenstuben mit weit über 300 erwachsenen Weibchen nachgewiesen (Friemel & Zahn 2004, Kretzschmar 2003). Diese hängen dicht in Clustern frei auf dem Dachboden. Die Geburten, meist nur ein Jungtier pro Weibchen, finden von Mitte Juni bis Mitte Juli statt. Mit Beginn des Flüggewerdens der Jungtiere ab Anfang bis Mitte August lösen sich die Wochenstuben wieder auf. Teilweise halten sich in großen Wochenstubenquartieren noch bis September Tiere auf. In manchen Wochenstubenquartieren können zur Wochenstubenzeit auch wenige, getrennt hängende Männchen angetroffen werden (Friemel & Zahn 2004). Die meisten Männchen leben jedoch einzeln, getrennt von den Weibchen in Sommerquartieren (Kretzschmar 2003). Im Spätsommer finden vereinzelt Paarungen im Wochenstubenquartier statt. Einzelne Paarungsgruppen hängen dann an den ehemaligen Hangplätzen der Männchen. Im August und September schwärmen die Wimperfledermäuse an den Winterquartieren. Ab diesem Zeitpunkt finden die Paarungen statt. Bereits ab Oktober werden die Winterquartiere in Stollen und Höhlen bezogen. Der sehr lange Winterschlaf kann bis Mai andauern (Kretzschmar 2003).

In der Zeit der Jungenaufzucht nutzen die Wimperfledermäuse vor allem Jagdgebiete in der näheren Umgebung des Wochenstubenquartiers: Streuobstbestände, Hecken, Baumreihen, Waldränder und Viehställe. Die landwirtschaftliche Nutzung, auch der angrenzenden Flächen, spielt für die Qualität dieser Lebensraumelemente eine entscheidende Rolle. Siedlungsnahe, kleinflächig gegliederte Lebensräume sorgen für eine gute Nahrungsgrundlage für die Wimperfledermaus. Ein weiterer Zusammenhang mit der Landnutzungsaktivität ergibt sich bei der Reduzierung von Landschaftselementen wie z.B. Waldrändern oder Hecken (Flurbereinigung), da sich die Wimperfledermaus beim Flug stark an diesen Leitelementen orientiert und diese auch zur Jagd nutzt, also zur Sicherung ihrer Nahrungsgrundlage benötigt.

Verbreitung