Bundesamt für Naturschutz

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Ökologie & Lebenszyklus

Ökologie der Art

Die Weißrandfledermaus besiedelt seit ca. 1995 Gebiete in Deutschland. Fortpflanzungsnachweise wurden hier erst im 21. Jahrhundert registriert. Daher sind die Kenntnisse zur Ökologie der Art in Deutschland insgesamt noch eher gering.

Die Weibchen der Weißrandfledermaus beziehen in der Wochenstubenzeit Spaltenquartiere an Gebäuden z.B. in Rollladenkästen, hinter Holz- und Blechverkleidungen sowie unter Dachrinnen und -überständen. Sehr selten gibt es Nachweise der Weißrandfledermaus in Baumhöhlen (Rakhmatulina 1995). In den Wochenstuben können sich sowohl einige wenige Weibchen (unter 10 Tiere) als auch bis zu mehrere Hundert Tiere versammeln (Barak & Yom-Tov 1989, Rudolph et al. 2010). Die größte, bislang in Deutschland nachgewiesene Wochenstube umfasst 250 adulte Weibchen (Rudolph et al. 2010). Zwischen den Wochenstubenquartieren findet ein regelmäßiger Wechsel statt, so dass im Verlauf eines Jahres mehrere relativ nah beieinander gelegene Quartiere genutzt werden (Rudolph et al. 2010). Die Männchen leben einzeln oder in kleinen Gruppen, getrennt von den Weibchen (Barak & Yom-Tov 1991). Wie die Wochenstubenquartiere befinden sich auch die Männchenquartiere überwiegend im Siedlungsbereich in Spalten an Gebäuden (Rudolph et al. 2010, Vergari & Dondini 1998).

Die Jagdgebiete, z.B. Grünflächen und Gewässer, liegen überwiegend in Siedlungsbereichen. Häufig jagt die Weißrandfledermaus an Straßenlaternen, wo sie z.B. Nachtfalter erbeutet (Barak & Yom-Tov 1989, Haffner & Stutz 1985). Oftmals kann sie zunächst in der Nähe ihrer Quartiere jagend beobachtet werden, bevor sie Jagdgebiete in der weiteren Umgebung aufsucht. Siedlungsnahe Gewässer, Grünflächen oder andere Strukturen (z.B. Hecken, Ufergehölze, Einzelbäume, Streuobstwiesen, Feldgehölze) werden ebenfalls zur Jagd genutzt.

Die weiteste nachgewiesene Entfernung zwischen Quartier und Jagdgebiet liegt bislang bei 1,4 km. Allerdings ist zu vermuten, dass sich der Aktionsraum der Tiere noch weiter erstreckt. Flugrouten können sich u.a. entlang von Kanälen, Straßenschluchten, langgestreckten Innenhöfen, sowie Lücken zwischen Gebäuden erstrecken. Gewässer spielen dabei vermutlich sowohl als Jagdgebiete als auch als Flugrouten eine besondere Rolle (Rudolph et al. 2010). Vernier (1995) gibt an, dass die Weißrandfledermaus in der Auswahl ihrer Nahrung sehr flexibel ist. Eine Untersuchung an Schweizer Tieren zeigt, dass sie sich hauptsächlich von Zweiflüglern (überwiegend Zuckmücken), Schmetterlingen, Köcherfliegen und Schnabelkerfen ernährt (Beck 1995).

Zum Paarungsverhalten der Weißrandfledermaus liegen kaum Kenntnisse vor (Häussler & Braun 2003). Aus Südeuropa ist bekannt, dass sich die Weibchen und Männchen zur Paarungszeit zu großen Gruppen von mehreren 100 Tieren in Gebäudequartieren zusammenfinden können. Dabei werden ebenfalls spaltenartige Verstecke z.B. hinter Wandverkleidungen aufgesucht.

Die Weißrandfledermaus gilt als relativ ortstreue Fledermausart, die keine Wanderungen vollzieht, jedoch tendenziell gerne neue Gebiete erkundet (Bogdanowicz 2011). Die Winterquartiere der Weißrandfledermaus befinden sich daher meist in der Nähe ihrer Sommerlebensräume. Vor allem Gebäudespalten und -hohlräume, Keller und Felsspalten werden als Winterquartiere genutzt (Meschede 2004, Rudolph et al. 2010, Vernier 1995, Vernier & Bogdanowicz 1999). Zumindest ein Teil der Wochenstube nutzt das Wochenstubenquartier auch als Winterquartier.

Das nachgewiesene Höchstalter der Weißrandfledermaus liegt bei 8 Jahren (Schober & Grimmberger 1998).

Beschreibung des Lebenszyklus im Zusammenhang mit Landnutzungsaktivitäten

Nach dem Winterschlaf finden sich die Weibchen der Weißrandfledermaus ab Anfang März in ihren Wochenstubenquartieren zusammen (Barak & Yom-Tov 1991). Die Geburten der Jungtiere finden ab Ende Mai/Anfang Juni statt (Bogdanowicz 2011, Vernier 1995). Zwillingsgeburten scheinen dabei die Regel zu sein, in seltenen Fällen werden auch Einzeltiere geboren (Vernier 1995). Nach ungefähr einem Monat sind die Jungtiere flugfähig.

Die Männchen leben während der Wochenstubenzeit einzeln oder in kleinen Gruppen, getrennt von den Weibchen (Barak & Yom-Tov 1991). Im Spätsommer, nach der Auflösung der Wochenstuben, sind häufig schwärmende Tiere an Gebäuden und in Gebäude einfliegende Tiere zu beobachten (Vernier 1995). Außerdem sind im Herbst balzende Männchen in der Nähe der Paarungsquartiere zu hören. In Südeuropa beginnt die Paarungszeit Ende August/ Anfang September und ist nach zwei Wochen beendet. Ihre Winterquartiere suchen die Tiere bereits ab Ende September auf (Vernier 1995).

Da die Weißrandfledermaus eine typische gebäudebewohnende Fledermausart ist, die sowohl ihre Wochenstuben-, als auch ihre Männchen-, Paarungs- und Winterquartiere überwiegend in bzw. an Gebäuden bezieht, sind Beeinträchtigungen der Quartiere durch Landnutzungsaktivitäten nicht zu erwarten. Allerdings ist die Weißrandfledermaus vor allem in der Wochenstubenzeit durch die Aufzucht der Jungtiere auf insektenreiche Jagdgebiete angewiesen. Die Jagdgebiete der Weißrandfledermaus liegen überwiegend im Siedlungsbereich, wo keine Beeinträchtigungen durch landwirtschaftliche und forstwirtschaftliche Landnutzungen zu erwarten sind. Da sie aber ebenfalls in den an die Siedlungen angrenzenden Lebensräumen jagt, sind besonders in diesen Randbereichen Beeinträchtigungen durch landwirtschaftliche Nutzung möglich. Dort kann sie durch das Verschwinden von Hecken und Säumen infolge der Bewirtschaftung immer größerer landwirtschaftlicher Schläge, sowie durch den Einsatz von Insektiziden und Herbiziden beeinträchtigt werden. Durch solche Bewirtschaftungsformen kann das besonders zur Wochenstubenzeit benötigte reichhaltige Insektenangebot verringert werden. Die Giftstoffe können sich außerdem im Körper der Tiere anreichern und zu gesundheitlichen Schädigungen führen (z.B. Unfruchtbarkeit) (Braun 1986).