Bundesamt für Naturschutz

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Ökologie & Lebenszyklus

Ökologie der Art

Die Wasserfledermaus bezieht ihre Wochenstubenquartiere überwiegend in Baumhöhlen z.B. in Astlöchern, Stammrissen oder Spalten, häufig in Spechthöhlen (Dietz 1993, Ebenau 1995, Holthausen & Pleines 2001, Lučan & Radil 2010). Ersatzweise dienen auch Fledermauskästen oder in seltenen Fällen Gebäude als Wochenstubenquartiere (Dieterich & Dieterich 1991, Natuschke 1960). Die Wochenstuben der Wasserfledermaus sind meistens mit weniger als 40 Weibchen besetzt (Geiger & Rudolph 2004). Vereinzelt wurden Wochenstuben mit über 100, sogar über 600 Weibchen nachgewiesen (Encarnação et al. 2005, Geiger 1992, Geiger & Rudolph 2004). Eine Wochenstube verteilt sich meist über mehrere nah beieinander gelegene Quartiere, die selten weiter als 1 km voneinander entfernt liegen (Rieger 1997). Diese werden regelmäßig gewechselt (Ebenau 1995).

Die Männchen sind im Sommer einzeln oder in Gruppen überwiegend in Höhlen und Rissen von Bäumen, ersatzweise in Nistkästen, aber auch in Spalten von Brücken zu finden und wechseln ihre Quartiere ebenfalls häufig (Dieterich & Dieterich 1991, Encarnação et al. 2007, Geiger 1992). Männchengruppen können Tagesquartiere in unterirdischen Quartieren aufsuchen (Kallasch & Lehnert 1995). Die Männchenkolonien umfassen meist weniger als 20 Tiere, seltener auch bis zu 200 Tiere (Dietz et al. 2007). Teilweise können zur Wochenstubenzeit kleine Männchengruppen in den Wochenstubenquartieren anwesend sein (Dieterich & Dieterich 1991, Encarnação et al. 2005).

Jagdgebiete der Wasserfledermaus befinden sich hauptsächlich über stehenden und langsam fließenden Gewässern (Arnold et al. 1998, Encarnação et al. 2005, Kretschmer 2001). Dabei fliegt diese Art zumeist schnell und dicht über der Wasseroberfläche (Swift & Racey 1983, Taake 1992). Sie kann teilweise in mehreren Metern Höhe (1 bis 6 m) über dem Wasser jagend beobachtet werden (Dietz 1993, Taake 1992). Die Wasserfledermaus ernährt sich überwiegend von wasserlebenden Insekten wie Zuckmücken, Köcher- und Eintagsfliegen (Beck 1995, Taake 1992). In geringerem Umfang erbeutet sie auch Schnaken, Käfer und Schmetterlinge (Taake 1992). Sie kann ihre Nahrung sowohl im Flug fangen als auch mit ihren Füßen oder der Flughaut oberhalb oder direkt von der Wasserfläche aufnehmen (Jones & Rayner 1988). Dabei ist sie sogar in der Lage, kleine Fische zu erbeuten (Siemers et al. 2001). Jagdgebiete können zeitweise auch in Wäldern liegen (Arnold et al. 1998, Meschede & Heller 2000). Die bislang nachgewiesene maximale Entfernung zwischen Quartier und Jagdgebiet liegt bei 7-8 km (Arnold et al. 1998, Ebenau 1995, Encarnação et al. 2005). Auf dem Weg von ihrem Quartier zum Jagdgebiet benutzt sie feste Flugrouten und orientiert sich an Lebensraumelementen wie Gewässerläufen, Waldwegen, Waldrändern, Baum- und Gebüschreihen, Siedlungsrändern, Obstgärten und Parkanlagen, an denen sie auch jagen kann (Arnold et al. 1998, Kretschmer 2001, Rieger 1997).

Wasserfledermäuse paaren sich in den Quartieren des Sommerlebensraumes und regelmäßig in Winterquartieren (Encarnação et al. 2007, Kallasch & Lehnert 1995). Die Winterquartiere liegen meist in Entfernungen unter 150 km zum Sommerquartier (Hutterer et al. 2005). Die weiteste ermittelte Distanz beträgt 304 km (Steffens et al. 2004). Die Winterquartiere der Wasserfledermaus befinden sich in Höhlen, Stollen, Bunkeranlagen oder Kellern. Dort überwintert sie häufig in kaum auffindbaren Verstecken, insbesondere in tiefen Wand- oder Deckenspalten, vereinzelt sogar in Bodengeröll (Dieterich & Dieterich 1991, Kallasch & Lehnert 1995).

Das nachgewiesene Höchstalter der Wasserfledermaus beträgt knapp 30 Jahre (Hochrein 1999).

Beschreibung des Lebenszyklus im Zusammenhang mit Landnutzungsaktivitäten

Je nach Witterung verlässt die Wasserfledermaus ihr Winterquartier zwischen Anfang März und Ende April und ist bis Ende Oktober in den Sommerlebensräumen anzutreffen (Dietz 1993, Hochrein 1999). Die Weibchen beziehen ihre Wochenstubenquartiere im April/Mai (Dietz & Boye 2004) und bringen ab der zweiten Junihälfte meist je ein Jungtier zur Welt (Encarnação 2005). Ab August, nachdem die Jungtiere flugfähig sind, lösen sich die Wochenstuben wieder auf (Dietz & Boye 2004). Die Männchen sind ab Ende August/Anfang September paarungsbereit. Ab Mitte August kann die Wasserfledermaus schwärmend an den Winterquartieren beobachtet werden. Paarungen finden sowohl in den Sommer- als auch in den Winterquartieren statt. In der Zeit ab Oktober können auch die ersten winterschlafenden Tiere in ihren Quartieren angetroffen werden (Kallasch & Lehnert 1995).

Da die Wasserfledermaus ihre Sommerquartiere überwiegend in Baumhöhlen in Wäldern bezieht und dabei gleichzeitig mehrere nah beieinander gelegene Quartiere in einem Gebiet nutzt, stellt die Entnahme von Höhlenbäumen (vor allem in Gewässernähe), im Rahmen forstwirtschaftlicher Nutzung, zu jeder Zeit eine Beeinträchtigung der Wasserfledermaus dar. Hiervon sind insbesondere die Waldbereiche betroffen, die weniger als 1,5 km entfernt vom nächsten Gewässer (potenzielles Jagdgebiet der Wasserfledermaus) liegen. Auch der Mangel bzw. das Entfernen von Alt- und Totholz kann zur Verschlechterung des Lebensraumes und zu einem zu geringen Anteil an Höhlenbäumen führen. In den Sommerlebensräumen ist die Wasserfledermaus von Anfang März bis Ende Oktober auf nahrungsreiche Lebensräume angewiesen. In der Zeit der Schwangerschaft und der Jungenaufzucht besitzen die Weibchen einen erhöhten Nahrungsbedarf. Daher können Landnutzungen, die die Nahrungsverfügbarkeit verringern, zu starken Beeinträchtigungen der Wasserfledermaus führen. Da die Wasserfledermaus Landschaftselemente wie Waldwege, Waldränder sowie Baum- und Gebüschreihen zur Orientierung und Jagd nutzt, stellt deren Verlust, infolge forstwirtschaftlicher Nutzung (z.B. Reduktion natürlicher, stufenreicher Waldränder) und die Bewirtschaftung immer größerer Flächen in der Landwirtschaft (Zusammenlegung von landwirtschaftlichen Flächen), eine Beeinträchtigung dar.