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Ökologie & Lebenszyklus

Ökologie der Art

Typische Lebensräume des Wald-Wiesenvögelchens sind z.B. wechselfeuchte Pfeifengraslichtungen in Mittel- und Niederwäldern, von Wald umgebene Streuwiesen(-brachen) in Nieder- und Übergangsmooren (bayerisches und württembergisches Alpenvorland), Kahlhiebe und Sturmwurfflächen mit einem abwechslungsreichen Aufbau aus Süß- oder Sauergräsern, z.B. Calamagrostis epigejos, Carex brizoides oder Molinia caerulea, (u.a. Schönbuch, Ostalb, Südlicher Steigerwald) sowie Brennen, Flussschotterheiden, Waldschläge und Lichtungen an den aus den Alpen kommenden Flüssen sowie der Donau. Das Wald-Wiesenvögelchen wird oft auch als typische „Lichtwaldart“ bezeichnet.

Schlüsselfaktor für die Eignung als Lebensraum zur Fortpflanzung ist eine grasige, zum Teil höherwüchsige Gras- und Krautschicht mit gut ausgeprägter Streuschicht aus Gräsern und abwechslungsreicher, oft bultiger Struktur. Das flächige Aufkommen von hochwüchsigen Stauden wie z.B. Wasserdost ist sehr nachteilig. Die Eiablage erfolgt im Bereich kleinerer Lücken oder Unregelmäßigkeiten in der Pflanzendecke und Streuschicht, wo das Weibchen an Grashalmen nach unten krabbelt und dort in Bodennähe das Ei ablegt. Diese Stellen befinden sich in der Regel in der Nähe von kleineren Gehölzen (Bräu & Dolek in Vorb.). Es ist allerdings nicht klar, ob Gehölze benötigt werden oder nur ein Nebeneffekt der Lebensraumentstehung sind.

Es wird zwar immer wieder berichtet, dass das Wald-Wiesenvögelchen kaum oder gar nicht Blüten zur Nektaraufnahme besuchen würde, dies wurde jedoch durch aktuelle Beobachtungen im Rahmen des bayerischen Artenhilfsprogramms widerlegt. Dabei wurden Weibchen an zahlreichen verschiedenen Pflanzenarten saugend beobachtet. Da von C. hero gut besiedelte Lebensräume aber auch nahezu blütenfrei sein können, folgert Hermann (2005), dass die Nektarversorgung der Falter keinen beschränkenden Einfluss auf die Vorkommen der Art ausübt. Vor dem Hintergrund dieser unterschiedlichen Beobachtungen ist unklar, inwieweit die Nektarversorgung die Eiproduktion beeinflussen kann, wie dies bei anderen Arten bekannt ist (Erhardt & Mevi-Schütz 2009). Hierzu besteht Forschungsbedarf.

Die Lebensräume müssen durch warmes Kleinklima und erhöhte Luftfeuchtigkeit geprägt sein. Lebensräume des Wald-Wiesenvögelchens sind stets flächig ausgeprägt. Lineare Pflanzensäume, z.B. entlang von breiten Forstwegen, können den Austausch von Individuen zwischen verschiedenen Lebensräumen eines Waldgebietes oder Moorkomplexes fördern, reichen alleine jedoch nicht zur nachhaltigen Sicherung der Vorkommen aus. Die ausreichende Besonnung hängt nicht nur von Form und Größe der Fläche, sondern auch sehr entscheidend von der Höhe des umgebenden Waldes ab.

Beschreibung des Lebenszyklus im Zusammenhang mit Landnutzungsaktivitäten

Die Flugzeit beginnt meist Ende Mai, (Anfang) Juni wird normalerweise das Maximum erreicht. Es gibt jedoch eine breite Streuung, die frühsten Beobachtungen liegen in der 1. Maihälfte, im Juli werden auch regelmäßig Falter beobachtet, zum Teil bis Anfang August. Innerhalb eines Gebietes wurden zwischen verschiedenen Jahren Schwankungen des Flugzeitbeginns von etwa zwei Wochen beobachtet (Bräu & Dolek, in Vorb.).

Für die Eiablage sucht das Weibchen in der Grasschicht, die ansonsten durch dreidimensional mehr oder weniger dicht mit einander verwobene Halme geprägt ist, bevorzugt lückige Stellen mit offener Streu auf (Bräu & Dolek in Vorb., Steiner & Hermann 1999). Die Eiablagestellen sind zudem gut besonnt und liegen meist in der Nähe von Gehölzen. Dort werden die blaugrünen Eier meist einzeln abgelegt, pro Weibchen lediglich 56 Eier im Durchschnitt (Bink 1992). Die Eiphase dauert nach Drews (2003) etwa 11 bis 16 Tage.

Die Raupe frisst vor und nach der Überwinterung an verschiedenen Gräsern und Seggen. Nach der Überwinterung werden die Raupen schon im zeitigen Frühjahr wieder aktiv. Zu dieser Zeit sind viele Gräser (insbesondere Pfeifengras) noch nicht ausgetrieben, eventuell sind die Raupen anfangs auf grün überwinternde Gräser und Seggen angewiesen.

Überwinterte Raupen wurden bisher nur selten gefunden und wenn, an eher lückigen Stellen auf bracheähnlichen Flächen. Zur Raupennahrung im Lebensraum und zum Entwicklungserfolg besteht noch erheblicher Forschungsbedarf.

Die meisten Lebensräume werden nicht bzw. nicht alljährlich gepflegt. Ausnahmen hiervon gibt es jedoch auf Flussschotterheiden in Südbayern, wo auch in jährlich gemähten Beständen individuenreiche Populationen bestehen. Allerdings werden dort immer Bereiche von der Mahd ausgenommen. Daher ist noch unklar, ob die Mahd hier den überwinternden Raupen nicht schadet oder ob sich alle Raupen auf den ungemähten Anteilen der Standorte entwickeln.

Grundsätzlich sind verschiedene Zusammenhänge denkbar: Die Mahd könnte direkt (durch den Schnitt und Abtransport des Mähguts) oder indirekt (durch die Öffnung der Pflanzendecke) zu einer hohen Sterblichkeit bei den überwinternden Raupen führen. Die Mahd könnte aber auch durch ihren die Höhe und die dreidimensionale Anordnung der Pflanzendecke vereinheitlichenden Einfluss dazu führen, dass die für die Fortpflanzung geeigneten Lücken in der Pflanzendecke verschwinden und der Lebensraum nicht mehr geeignet ist. Das in Bayern laufende Artenhilfsprogramm im Auftrag des Bayerischen Landesamtes für Umwelt versucht solche Fragen zu beantworten.

Die zum Teil ausgeprägten Bulten können an manchen Standorten eine wichtige Schutzfunktion für die Art bei hohem Wasserstand übernehmen.