Bundesamt für Naturschutz

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Ökologie & Lebenszyklus

Ökologie der Art

Die Sumpf-Engelwurz findet optimale Wuchsbedingungen in mäßig nährstoffreichen, wechselnassen Feuchtwiesen, welche im Frühjahr sehr nass sind und im Sommer etwas abtrocknen. In Brandenburg, wo sich zehn der aktuell ca. 15 Vorkommen befinden, kommt sie vor allem in Pfeifengraswiesen und Nasswiesen vor. Sie gilt als Charakterart von Nasswiesen (Oberdorfer 2001), auch wenn sich die deutschen Vorkommen nicht in der typischen Ausprägung dieser Pflanzengemeinschaft befinden, sondern höchstens in Übergängen zu Pfeifengraswiesen (Hauke 2003). Traditionell werden diese Feuchtwiesen durch einschürige Mahd genutzt.

Gelegentliche Überschwemmungen oder sehr hohe Wasserstände im Winter bzw. im zeitigen Frühjahr können sich förderlich auswirken. Dauerhafte Überstauung überlebt die Sumpf-Engelwurz hingegen nicht. Ebenso wenig verträgt sie die komplette Trockenlegung ihrer Standorte, wie es im Rahmen von Meliorationsmaßnahmen geschehen ist.

Die Sumpf-Engelwurz kommt auch in Staudenfluren und in den Auflassungsstadien ehemaliger Feuchtwiesen vor. Die Standortbedingungen in diesen nicht mehr bewirtschafteten Pflanzengesellschaften sind für die Sumpf-Engelwurz jedoch nicht optimal, auch wenn sie in diesen recht lange überdauern kann. Direkt nach dem Brachfallen von Feuchtwiesen erfährt die Art teilweise sogar eine Bestandszunahme. Langfristig wirken sich die zunehmende Bildung einer Streuschicht aus abgestorbenem Pflanzenmaterial und damit ein Mangel an Stellen für die Samenkeimung jedoch negativ auf die Bestandsentwicklung aus. Ebenso führt eine zunehmende Konkurrenz durch Hochstauden zur Verdrängung der lichtbedürftigen Sumpf-Engelwurz.

Beschreibung des Lebenszyklus im Zusammenhang mit Landnutzungsaktivitäten

Im Frühjahr keimen Jungpflanzen der Sumpf-Engelwurz aus Samen des Vorjahres. Ältere Individuen, welche in den Vorjahren nicht zur Blüte kamen, überdauern den Winter blattlos an der Bodenoberfläche. Im Frühjahr treiben diese Individuen neue Rosettenblätter aus. Im Laufe des Frühjahrs bilden sich dann Blütenstände aus, welche zwischen Juli und August zur Blüte kommen. Die meist zwei- bis dreijährige Pflanze stirbt nach der ersten Blüte ab. Die Sumpf-Engelwurz ist selbstbefruchtend und die Früchte müssen an der Pflanze ausreifen, um eine gute Keimfähigkeit zu erreichen (Hoffmann et al. 2006-2009). Über Ausläufer kann sie sich nicht ausbreiten. Für den Fortbestand der Art spielt der Mahdzeitpunkt daher eine entscheidende Rolle. Zum einen wird durch die Mahd die Konkurrenz durch andere Arten verringert, andererseits sollte sie jedoch nicht während der Zeitspanne von Blütenbildung bis Samenausstreu stattfinden, da sonst die gesamte Pflanze ohne Samenbildung abstirbt.

Die Samen der Sumpf-Engelwurz brauchen Frost, um gut keimen zu können. Daher keimt ein Großteil der im Herbst gebildeten Samen erst im kommenden Frühjahr. Vereinzelte schon im Herbst gekeimte Pflanzen können den Winter nicht überleben (Dittbrenner 2004). Ob die Sumpf-Engelwurz eine Samenbank ausbilden kann, ist unklar. Langlebige Samen im Boden ermöglichen es anderen Arten ungünstige Jahre mit schlechten Keimungsbedingungen oder fehlender Samenbildung im Boden zu überdauern und in folgenden Jahren auszukeimen, wenn die Umweltbedingungen wieder besser sind.

Damit aus Samen der Sumpf-Engelwurz neue Pflanzen heranwachsen können, ist sie auf eine lückige und nicht verfilzte Krautschicht angewiesen. Das beste Wachstum haben die Pflanzen an sehr hellen Standorten.

Die Ausbreitung der ölhaltigen Samen kann über Tiere in die nähere Umgebung der Mutterpflanze erfolgen. Ebenso kann eine Verdriftung von Samen durch winterliche oder im Frühjahr stattfindende Überschwemmungen erfolgen. Ein ehemals bedeutsamer Weg der Fernausbreitung der Samen der Sumpf-Engelwurz (ebenso wie anderer Feuchtwiesen-Arten) war die Streunutzung von Mähgut (Einstreu im Stall) und dessen anschließende Ausbringung als Dünger auf andere Flächen (Lange et al. 2011). Da diese Streunutzung heutzutage (fast) nicht mehr praktiziert wird, ist ein über Jahrhunderte wichtiger Ausbreitungsweg für die Samen der Sumpf-Engelwurz weggefallen.

Je kleiner die Bestände der Sumpf-Engelwurz sind, desto stärker ist deren genetische Verarmung, was zu Fitnesseinbußen (verminderte Anpassungsfähigkeit, eingeschränkte Samenbildung etc.) führt. Für die ostdeutschen Bestände der Sumpf-Engelwurz konnte nachgewiesen werden, dass der Fruchtansatz umso geringer ist, je kleiner die Bestände sind (Dittbrenner et al. 2005). Daher spielen nicht nur geeignete Umweltbedingungen für das langfristige Überleben der Bestände eine Rolle, sondern auch die Anzahl der Pflanzen je Bestand.