Bundesamt für Naturschutz

Hauptbereichsmenü



Ökologie & Lebenszyklus

Ökologie der Art

Die Nordfledermaus ist eine typische gebäudebewohnende Fledermaus, deren Wochenstubenquartiere sich größtenteils in Zwischendächern und Wandverkleidungen, in Spalten an Gebäuden und häufig im Bereich von Kaminverkleidungen sowie Dachfirsten befinden (Gerell & Rydell 2011, Ohlendorf 1989). Nur sehr selten werden Wochenstuben in Baumhöhlen und Nistkästen gefunden (Lutz Mühlethaler & Mühlethaler 2010, Markovets et al. 2004, Steinhauser 1999). In der Umgebung der Wochenstubenquartiere überwiegen in der Regel gewässerreiche Nadel- und Laubwälder.

Die Jagdgebiete befinden sich während der Wochenstubenzeit in der Nähe (im Umkreis von 400 m bis 1.200 m) der Wochenstubenquartiere (Rydell 1989), können aber auch bis zu 10 km entfernt liegen (Steinhauser 1999). Nach der Jungenaufzucht legen die erwachsenen Tiere Strecken von bis zu 30-40 km Entfernung zu den Jagdgebieten zurück (de Jong 1994, Rydell 1989). Diese befinden sich hauptsächlich in waldreichen Gebieten mit eingestreuten Freiflächen (Forstschneisen, Lichtungen, Wiesen), entlang von Gehölzstreifen und Gebäuden, sowie an kleinen offenen Bereichen und Gewässern, die von Bäumen umgeben sind (Meschede & Heller 2000, Rydell 1990).

Nordfledermäuse jagen ausschließlich fliegende Insekten, wobei den Hauptbestandteil der Nahrung Zuckmücken und größere Zweiflügler (andere Mücken, Schnaken und Fliegen) stellen (Beck 1995, Steinhauser 1999). Im Frühjahr und Herbst jagen die Tiere überwiegend Nachtschmetterlinge an Straßenlaternen. Dabei werden größere Insektenschwärme umkreist und die Insekten im Sturzflug erbeutet (Rydell 1990, 1992, 1993).Die Nordfledermaus fliegt bei der Jagd mit 20 km/h (maximal 30 km/h) und bewegt sich während des Jagdfluges überwiegend in 5-10 m Höhe (Rydell 1986, 1993). Häufig benutzt sie gewohnte Flugrouten, um in die Jagdgebiete zu gelangen. Die Nahrung wird in raschem und wendigem Flug entlang von sogenannten Leitelementen wie Hecken, Baumreihen oder Waldrändern erbeutet. Im freien Luftraum in einer Höhe von 2-50 m, vorzugsweise an Straßenlaternen und bis über die Baumkronen wird ebenfalls gejagt (Rydell 1990, 1992, 1993, Steinhauser 1999).

Bisher wurde, aufgrund der Ringwiederfunde, bei der Nordfledermaus von einer relativ ortstreuen Art ausgegangen. Allerdings konnten vereinzelt schon Entfernungen zwischen Fang und Wiederfundort von 100 bis 450 km nachgewiesen werden (Tress 1994). Es ist zudem bekannt, dass die Art teilweise große Wasserflächen überfliegt, wie mehrere Funde auf den Färöer Inseln und auf Ölplattformen in der Nordsee belegen. Sie deuten auf ein zumindest vereinzelt stattfindendes Wanderverhalten hin (Dietz et al. 2007). Trotzdem scheinen nicht generell saisonal gerichtete Wanderungen zwischen den Wochenstuben- und den Überwinterungsgebieten stattzufinden. Die Nordfledermäuse streifen offenbar im Frühjahr und Spätherbst über große Strecken umher (Tress 1994).

Winterquartiere der Nordfledermaus befinden sich zumeist in vergleichsweise kühlen und trockenen unterirdischen Kellern, Stollen oder in Höhlen, mit Temperaturen von 0-5°C, in denen sich die Tiere überwiegend in Spalten verstecken oder seltener frei hängen (Ohlendorf 1987).

Das nachgewiesene Höchstalter der Art liegt bei 22 Jahren (Steffens et al. 2004).

Beschreibung des Lebenszyklus im Zusammenhang mit Landnutzungsaktivitäten

Nach dem Winterschlaf beziehen die Nordfledermäuse im April bis spätestens im Mai die Wochenstubenquartiere. Die Paarung erfolgt normalerweise bereits im vorausgegangenen Herbst oder Winter. In der Zeit der Schwangerschaft und der Jungenaufzucht leben Männchen und Weibchen voneinander getrennt. Die Männchen verbringen den Sommer einzeln. Die Weibchen finden sich in Gruppen, den Wochenstuben mit meist 10-100 (Gerell & Rydell 2011, Rydell 1993), im Einzelfall sogar bis zu 140 Weibchen zusammen (Morgenroth 2004). Die Geburten finden von Mitte Juni bis Ende Juli statt. Meistens wird ein Jungtier pro Weibchen geboren, Zwillingsgeburten kommen selten vor. Die Jungtiere wachsen sehr schnell heran und starten bereits nach drei Wochen erste Jagdversuche (Rydell 1993). Im Spätsommer lösen sich die Wochenstuben auf. Einzelne erwachsene Männchen und Weibchen finden sich nun zu Paarungsgruppen zusammen. Die Paarung findet vermutlich ab dem Spätsommer in Paarungs- und in den Winterquartieren statt. Ab November/Dezember bezieht die Nordfledermaus einzeln oder in kleinen Gruppen von 2-4 Tieren ihre meist unterirdischen Winterquartiere (Rydell 1993).

Besonders in der Zeit der Jungenaufzucht benötigt die Nordfledermaus ein großes Nahrungsangebot und folglich nahrungsreiche Jagdgebiete. Da sie zur Jagd gerne sehr kleine Gebiete in gewässerreichen Wäldern, Hochmoorflächen, Wiesen und Waldränder nutzt, besteht ein besonderer Zusammenhang des Lebenszyklus mit der forstwirtschaftlichen Nutzung. Da sich die Nordfledermaus bei der Jagd stark an Leitelementen wie Waldrändern oder Hecken orientiert, kann forstwirtschaftliche Nutzung, die z.B. stufenreiche Waldränder reduziert, zu Beeinträchtigungen führen. Das Trockenlegen von Gewässern und Feuchtgebieten in Wäldern beeinflusst den Insektenreichtum negativ und hat somit ebenfalls Auswirkungen auf die Attraktivität der Jagdgebiete dieser Art. Durch den Einsatz von Insektiziden bei der Bekämpfung von Forstschädlingen wie dem Maikäfer oder dem Prozessionsspinner wird nicht nur der Insektenreichtum minimiert, sondern es führt ebenfalls zu einer Anreicherung der Giftstoffe in den Fledermäusen und damit langfristig zu einer Vergiftung der Tiere (Braun 1986).

Die landwirtschaftliche Nutzung kann durch den Umbruch von Wiesen in Ackerland, Insektizid- und Herbizideinsatz oder das Zusammenlegen kleiner Ackerparzellen zu großen Bewirtschaftungseinheiten und dem damit verbundenen Wegfall von Kleingewässern, Säumen und Hecken zu einer Beeinträchtigung der Jagdgebiete führen.