Bundesamt für Naturschutz

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Ökologie & Lebenszyklus

Ökologie der Art

Die bisher bekannt gewordenen Wochenstubenquartiere der Mückenfledermaus befinden sich überwiegend an Gebäuden (Mazurska & Ruczyński 2008). Sie bezieht vorzugsweise spaltenförmige Quartiere hinter Außenverkleidungen von Häusern, in Zwischendächern und Hohlräumen, aber auch Quartiere in Fledermauskästen, Baumhöhlen oder in aufgerissenen Stämmen wurden mehrfach beschrieben (Blohm & Heise 2008, Häussler & Braun 2003, Heise 2009). Es sind sowohl kleine Wochenstuben mit 15-20 Weibchen (Dietz et al. 2007), als auch weitaus größere mit über 1.000 Individuen nachgewiesen (Vollmer 2009). Wochenstuben in Gebäuden liegen dabei fast immer in Ortsrandlage oder außerhalb des Siedlungsbereiches in der Nähe der Jagdgebiete. Die Männchen verbringen den Sommer einzeln und beziehen bereits ab Juni ihre Balz- und Paarungsquartiere in exponierten Baumhöhlen, Fledermauskästen und Gebäuden (Dietz et al. 2007).

Die Mückenfledermaus jagt in kleinräumig gegliederten, gewässer- und möglichst naturnahen Landschaften mit verschiedenen Landschaftselementen sowie in baum- und gehölzreichen Parkanlagen (Davidson-Watts et al. 2006, Lundy & Montgomery 2010). In erster Linie nutzt die Art Gewässer und deren Randbereiche, aber auch gewässernahe Wälder als Jagdgebiete. Dabei werden vor allem Laubwälder, Waldränder, Hecken und Baumreihen bevorzugt (Dietz et al. 2007, Häussler & Braun 2003).

Die Mückenfledermaus ist sehr klein und wendig und kann daher auf engem Raum jagen. Sie orientiert sich stark an Bäumen, Sträuchern, an Uferbereichen, kleinen Lichtungen oder an Waldschneisen (Häussler & Braun 2003, Scott et al. 2010). Einzelbüsche oder Bäume werden intensiv nach Nahrung abgesucht. Wie die Zwergfledermaus ernährt sich die Mückenfledermaus von kleineren, fliegenden Insekten. Jedoch enthält die Nahrung der Mückenfledermaus vermehrt wasserlebende Insekten wie Köcherfliegen oder Zuckmücken (Barlow 1997, Barlow et al. 1997).

Baumhöhlenreiche, gut gegliederte, naturnahe Auwälder mit typischen kleinflächigen Lichtungen und Lichtschächten, die durch Flutmulden und umgestürzte Altbäume entstehen, stellen außerdem einen wichtigen Paarungsraum dar. In diesen Bereichen suchen sich die Männchen ihre Paarungsquartiere in Baumhöhlen und verteidigen diese gegen andere Männchen. Sie bilden mit meist 2-5 Weibchen kleine Paarungsgruppen (Braun & Häussler 1999, Meschede 2004).

Ein Teil der Tiere verbleibt im Winter in den Wochenstuben- und Paarungsgebieten (Cordes & Pocha 2009). Es wurden für die Mückenfledermaus aber auch Wanderungen in Überwinterungsgebiete mit Strecken von bis zu 1.279 km nachgewiesen (Arnold & Braun 2002, Blohm & Heise 2008). Zu den Winterquartieren der Mückenfledermaus ist bisher noch nicht viel bekannt. Die bisher gefundenen Winterquartiere zeigen jedoch, dass die Art in kälteabgeschirmten Spaltenquartieren hinter Hausfassaden oder in Gebäuden ihre Quartiere bezieht. Außerdem überwintert ein Teil der Tiere auch in den Sommer-/Wochenstubenquartieren (Häussler & Braun 2003). Häufig ist die Mückenfledermaus sogar im Winter in Fledermauskästen anzutreffen (Heise 2009, Mazurska & Ruczyński 2008).

Das bisher in Schweden festgestellte Höchstalter der Mückenfledermaus liegt bei über acht Jahren (Gerell & Lundberg 1990).

Beschreibung des Lebenszyklus im Zusammenhang mit Landnutzungsaktivitäten

Nach dem Winterschlaf finden sich die Mückenfledermäuse ab Mitte bis Ende März in den Sommerquartieren ein. Die Weibchen sammeln sich dann bis Ende Mai in den Wochenstubenquartieren als Kolonien. Ab Mai/Juni finden die Geburten der Jungtiere statt. Meistens wird ein Jungtier pro Weibchen geboren, Zwillingsgeburten sind seltener. Die Männchen verbringen den Sommer zumeist einzeln und besetzen bereits ab Juni ihre Balz- und Paarungsquartiere. Erst ab Ende Juli nach der Jungenaufzucht finden sich die Weibchen ebenfalls in den Balz- und Paarungsquartieren zur Paarung mit den Männchen ein (Häussler & Braun 2003). Die Paarung erfolgt bei der Mückenfledermaus in der Regel bereits im August, es sind aber auch Frühjahrspaarungen bekannt (Horn 2006). Im Herbst findet schließlich die Wanderung in die Winterquartiere (meist in Gebäuden) statt. Es werden allerdings immer wieder standorttreue Tiere gefunden, die in den Sommer- oder Paarungsquartieren überwintern.

Da die Mückenfledermaus vor allem kleinräumig gegliederte, gewässer- und möglichst naturnahe Landschaften mit abwechslungsreichen Landschaftselementen und naturnahe Auenwälder regelmäßig als Jagdgebiete nutzt, ist sie auf eine Erhaltung dieser Lebensräume mit ihrem Insektenreichtum angewiesen. Besonders während der Phase der Jungenaufzucht benötigen die erwachsenen Weibchen mehr Nahrung und folglich insektenreiche Jagdgebiete, um ihren gesteigerten Energiebedarf decken zu können. In dieser Zeit können Landnutzungen, die das Nahrungsangebot verringern, die Fledermäuse besonders beeinträchtigen. Daher können der Erhalt naturnaher Auwälder und eine naturnahe Waldwirtschaft mit einem hohen Alt- und Totholzanteil die Jagdgebiete der Art verbessern. Auch der Erhalt großräumiger Überschwemmungsflächen anstatt immer größerer landwirtschaftlicher Ackerflächen kann den Insektenreichtum und somit das Nahrungsangebot steigern. Da die Mückenfledermaus altholzreiche Flussauen nicht nur als Nahrungsraum, sondern teilweise auch als Quartiergebiet (häufig Männchen- und Paarungsquartiere) (Braun & Häussler 1999, Davidson-Watts et al. 2006) nutzt, besteht hier ein weiterer Zusammenhang mit der forstwirtschaftlichen Nutzung. Auch hier steigert eine naturnahe, alt- und totholzreiche Waldwirtschaft das Quartierangebot für diese Art.