Bundesamt für Naturschutz

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Ökologie & Lebenszyklus

Ökologie der Art

Zur Wochenstubenzeit beziehen die Weibchen der Kleinen Hufeisennase in Mitteleuropa ihre Quartiere nahezu ausnahmslos auf Dachböden von Wohnhäusern und größeren Gebäuden wie Kirchen und Schlössern, aber auch in Heizungskellern (Biedermann et al. 2001, Reiter et al. 2004, Spitzenberger 1993, Zöphel & Wilhelm 1999). In Süd- und Osteuropa werden (sommerwarme) Höhlen bevorzugt und auch Stollen besiedelt (Reiter et al. 2004). Aus Thüringen ist die Nutzung einer Karsthöhle als Wochenstube bekannt (Dietz et al. 2007). Es werden warme und zugluftfreie Wochenstubenquartiere ausgewählt, die meist, z.B. durch Zwischendecken, einen hohen Verwinklungsgrad aufweisen (Bontadina et al. 2006). Die Größe der Wochenstube variiert zwischen kleinen Gruppen von unter 10 Tieren bis zu größeren Ansammlungen von 200 Individuen (Dietz et al. 2007). In Sachsen wurde eine Wochenstube mit 450 Tieren nachgewiesen (Zöphel & Frank 2009). Dabei hängen die Weibchen meist einzeln im Dachbereich oder an der Decke. Sinken die Temperaturen bilden die trächtigen Weibchen Trauben (Seckerdieck 2004). In den Wochenstubenquartieren können bis zu einem Anteil von 30 % Männchen und nicht reproduzierende Weibchen leben (Zahn & Weiner 2004).

Die Männchen nutzen verschiedene Quartiere wie Höhlen, Stollen, Dachräume und größere Felsspalten als Sommerquartiere (Dietz et al. 2007). Kleinklimatische Vielfalt, Ein- und Ausflugsöffnungen von mindestens 25 x 15 cm Größe und Störungsarmut sind entscheidende Faktoren für die Auswahl der Quartiere (Richarz 1989, Zahn & Weiner 2004, Zöphel & Wilhelm 1999). Bäume spielen in Mitteleuropa lediglich als nächtliche Ruheplätze eine Rolle (Meschede & Heller 2000).

Die Jagdgebiete der Kleinen Hufeisennase befinden sich überwiegend in der Nähe ihres Quartiers. Als maximale Entfernung zwischen einem Wochenstubenquartier und dem Jagdgebiet sind bislang 4,2 km nachgewiesen, wobei die Tiere etwa die Hälfte ihrer Aktivitätszeit innerhalb eines Umkreises von 600 m um das Quartier verbringen (Bontadina et al. 2002). Auf ihrem Weg vom Quartier zu den Jagdgebieten orientiert sie sich an linearen Landschaftselementen wie Hecken und Baumreihen (Meschede & Heller 2000). Größere offene Flächen werden offenbar nur sehr selten überflogen (Motte & Libois 2002). Wälder, vor allem Laubwälder, besitzen eine wichtige Bedeutung als Jagdgebiete für die Kleine Hufeisennase (Bontadina et al. 2002). Zahn & Weiner (2004) haben festgestellt, dass mehrschichtige Wälder mit dichtem Unterwuchs zur Jagd genutzt werden. Gewässer, insbesondere Ufer- und Flachwasserbereiche, stellen ebenso einen Bestandteil der Jagdgebiete dar, wie beispielsweise Auwälder und Gewässerrandbewuchs (Dietz et al. 2007, Meschede & Heller 2000).

Die Kleine Hufeisennase erbeutet ihre Nahrung in einem sehr wendigen jedoch vergleichsweise langsamen (ca. 12 km/h) Flug (Gaisler 1979). Sie jagt zwischen den Ästen und Blättern des Unterholzes in etwa 1-4 m Höhe (Biedermann & Boye 2004, Motte & Libois 2002) sowie im Kronenbereich der Bäume (Biedermann et al. 2001, Zahn & Weiner 2004). Ihre Nahrung besteht hauptsächlich aus Zweiflüglern, wie Zuck- und Stechmücken, aber auch aus Nachtfaltern und Netzflüglern (Arlettaz et al. 2000, Beck 1995, Kayikçiğlu & Zahn 2005). Die Abgabe der Ultraschalllaute erfolgt bei den Hufeisennase im Gegensatz zu anderen Fledermausarten durch den Nasenaufsatz, daher kann die Kleine Hufeisennase auch mit Beute im Mund weiter orten (Zahn & Weiner 2004).

Aufgrund von Ringwiederfunden wird die Kleine Hufeisennase als ortstreue Art angesehen (Felten & Klemmer 1960, Gaisler & Hanák 1969b, Harmata 1971, Hutterer et al. 2005, Roer 1960). Die Entfernung zwischen Sommer- und Winterquartieren beträgt meist nicht über 10 bis 20 km (Hutterer et al. 2005, Roer & Schober 2011, Schofield 1999). Der weiteste bekannte Überflug wurde in Frankreich mit 153 km beobachtet (Hutterer et al. 2005, Schofield 1999).

Zum Überwintern sucht die Kleine Hufeisennase unterirdische Räume wie Karsthöhlen, Felsspalten, Stollen und Keller auf (Biedermann et al. 2001, Bontadina et al. 2001, Felten & Klemmer 1960, Kulzer 2003, Meschede & Heller 2000). Anders als die meisten anderen europäischen Fledermausarten hängen die Kleinen Hufeisennasen getrennt voneinander (Dietz et al. 2007, Eisentraut 1934). Zahn und Weiner (2004) berichten von aktuellen Winterquartieren, die lediglich von einzelnen bis maximal drei Tieren besiedelt werden. Es sind jedoch auch Quartiere mit mehreren hundert Tieren bekannt (Dietz et al. 2007).

Das nachgewiesene Höchstalter liegt bei 21 Jahren (Harmata 1982). Das Durchschnittsalter wird jedoch mit 4-5 Jahren angegeben (Dietz et al. 2007).

Beschreibung des Lebenszyklus im Zusammenhang mit Landnutzungsaktivitäten

Die Winterquartiere werden ab März verlassen, wobei auch im April noch Tiere im Winterquartier angetroffen wurden (Zahn & Weiner 2004). Im April bis spätestens Mai beziehen die Kleinen Hufeisennasen die Wochenstubenquartiere (Biedermann & Boye 2004, Roer 1960). Die Weibchen bekommen ihre Jungen zwischen Mitte Juni und Mitte Juli (Kulzer 2003, Roer 1960, Zahn & Weiner 2004). In der Regel wird nur ein Jungtier pro Muttertier geboren, Zwillingsgeburten sind sehr selten (Biedermann & Boye 2004, Gaisler 1979). Bereits nach 4-6 Wochen sind die Jungtiere flugfähig und selbständig. Im Spätsommer lösen sich die Wochenstuben auf und von Mitte September bis November (Biedermann & Boye 2004, Zahn & Weiner 2004) findet die Paarung in den Paarungsquartieren oder im Winterquartier statt (Dietz et al. 2007). Sowohl im Frühjahr als auch im Herbst werden regelmäßig Zwischenquartiere bezogen (Gaisler & Hanák 1969a). Diese können unter anderem in Ställen, versteckten Felsspalten, unter Brücken oder zerfallenen Unterständen liegen (Bontadina et al. 2006). In den Monaten Oktober bis April hält sich die Kleine Hufeisennase in den Winterquartieren auf (Biedermann & Boye 2004, Harmata 1971).

Da die Kleine Hufeisennase zur Jagd gerne sehr kleine Gebiete in Wäldern und an Waldrändern nutzt (Biedermann et al. 2001), besteht ein besonderer Zusammenhang des Lebenszyklus mit der forstwirtschaftlichen Nutzung. Sie orientiert sich beim Überflug vom Quartier zum Jagdgebiet stark an Leitelementen wie Waldrändern, Säumen oder Hecken. Deshalb kann die Verminderung solcher Leitelemente zu Beeinträchtigungen führen. Das Trockenlegen von Gewässern und Feuchtgebieten beeinflusst den Insektenreichtum negativ und hat somit ebenfalls Auswirkungen auf die Attraktivität der Jagdgebiete. Durch den Einsatz von Insektiziden bei der Bekämpfung von Forstschädlingen wird nicht nur der Insektenreichtum minimiert, er führt auch zu einer Anreicherung der Wirkstoffe im Körper der Fledermäuse und damit langfristig zu einer Vergiftung der Tiere (Braun 1986).