Bundesamt für Naturschutz

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Ökologie & Lebenszyklus

Ökologie der Art

Die Kleine Bartfledermaus ist eine ortstreue Art. Ihre Sommerquartiere befinden sich in Spalten und Hohlräumen in und an Gebäuden z.B. hinter Fensterläden, Wandverkleidungen, in Fugen oder Rissen z.B. auch in Brücken, aber ebenso in Baumhöhlen oder hinter abstehender Borke (Dietz 2005, Godmann 1995, Zöphel & Wilhelm 1999). Wochenstuben bevorzugen offenbar Quartiere mit hohen Innentemperaturen. Selbst bei Temperaturen von 48°C halten sich die Tiere noch auf der Sonnenseite ihres Quartiers auf (Hübner 2001). Die Wochenstuben umfassen regelmäßig 10-70 Weibchen (Dietz et al. 2007, Schober & Grimmberger 1998), es werden aber auch immer wieder Wochenstuben mit mehr als hundert Weibchen gefunden (Häussler 2003, Müller 1993). Das Wochenstubenquartier wird von den Kolonien häufig gewechselt (Franke 1997, Simon et al. 2004). Die Männchen verweilen den Sommer über meist einzeln in Gebäudequartieren, Nistkästen oder Baumhöhlen und -spalten (häufig in der Nähe der Wochenstubenquartiere) (Häussler 2003).

Der Jagdflug der Kleinen Bartfledermaus ist mäßig schnell (10-15 km/h), aber wendig und kurvenreich. Sie jagt entlang von Wäldern, Waldrändern, Gewässerufern und Hecken, auf Flächen mit lockerem Baumbestand wie Streuobstwiesen und Gärten (Godmann 1995, Taake 1984). Die Kleine Bartfledermaus nutzt, wie andere Fledermausarten, jahreszeitlich verschiedene Jagdgebiete. In der Wochenstubenzeit, von Mai bis Juli, jagt sie vermehrt in Wäldern. Hierbei fliegt sie sowohl sehr niedrig über dem Boden, als auch in 15 m Höhe zwischen den Baumkronen (Häussler 2003). Ab Ende Juli ist die Kleine Bartfledermaus bei der Jagd dann häufiger in eher offenem Gelände z.B. entlang von Gehölzen und an Gewässern zu finden (Zahn & Maier 1997). Besonders bei der Jagd an Gewässern sinkt ihre Flughöhe auf 1-3 m (Häussler 2003). Dabei werden vor allem Stillgewässerbereiche und Kleingewässer aufgrund ihres höheren Insektenvorkommens bevorzugt. In der Regel wird auf fliegende Insekten Jagd gemacht. Die Kleine Bartfledermaus kann diese nah am Pflanzenbewuchs erbeuten oder von der Oberfläche der Pflanzen direkt absammeln. Die Nahrung ist durchaus vielfältig, besteht aber vor allem aus Insekten wie Zweiflüglern (Schnaken, Fenstermücken, Stechmücken, Zuckmücken), Nachtfaltern, Hautflüglern und Netzflüglern (Rindle & Zahn 1997, Taake 1992). Andere Insektengruppen z.B. Käfer wurden ebenfalls nachgewiesen, die lokal größere Anteile der Beute ausmachen können (Beck 1995, Taake 1992).

Die Paarung erfolgt in den Männchen- oder in den Winterquartieren. Nistkästen werden ebenfalls als Paarungsquartiere genutzt (Meschede & Heller 2000, Taake 1984).

Zwischen den Sommer- und den Winterquartieren wird meistens nur eine Distanz von unter 50 km zurückgelegt. Die weiteste festgestellte Wanderung erfolgte über 240 km (Feldmann 1979). Die Winterquartiere befinden sich in frostfreien Höhlen, Stollen und Kellern mit Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt (0-10°C) und mit hoher Luftfeuchtigkeit (Kraus & Gauckler 1972, Taake 1984). Dort halten sich die Tiere meist einzeln (nur selten sind Quartiere mit über 100 Tieren bekannt) in Spalten und Bohrlöchern an Wänden und Decken auf (Vierhaus 1994, Zöphel & Wilhelm 1999).

Das Höchstalter der Kleinen Bartfledermaus liegt bei über 24 Jahren (Kock 1994). Meistens ist das nachgewiesene Alter jedoch wesentlich niedriger und liegt bei 3,5-5 Jahren (Dietz et al. 2007, Tupinier & Aellen 2011).

Beschreibung des Lebenszyklus im Zusammenhang mit Landnutzungsaktivitäten

Nach dem Winterschlaf bezieht die Kleine Bartfledermaus im Mai ihr Wochenstubenquartier. Die Weibchen finden sich dort in Wochenstuben zusammen. Sie bringen jeweils ein Junges zur Welt, nur in sehr seltenen Fällen finden Zwillingsgeburten statt. Die Geburt der Jungtiere erfolgt bis Ende Juni (Dietz et al. 2007, Häussler 2003). Mitte bis Ende August, nach der Jungenaufzucht, lösen sich die Wochenstuben wieder auf. Im Herbst und Winter bis ins zeitige Frühjahr hinein erfolgt die Paarung der Tiere. Ab November bis Anfang Mai bezieht die Kleine Bartfledermaus ihre Winterquartiere.

Besonders in der Zeit der Jungenaufzucht benötigen die adulten Weibchen eine gute Nahrungsgrundlage und somit insektenreiche Jagdgebiete. Hierfür nutzen sie vor allem halboffene, kleinräumig gegliederte Kulturlandschaften, Wälder, Waldränder, Gewässerufer, Klein- und Stillgewässer, Hecken und Gärten.

Die Kleine Bartfledermaus ist daher besonders z.B. durch Flurbereinigung und stärkere landwirtschaftliche Nutzung, die zur Abnahme von kleinräumig gegliederten Kulturlandschaften mit ausreichend insektenreichen Landschaftselementen führen, beeinträchtigt. Da die Wochenstubenquartiere häufig im Siedlungsbereich liegen, benötigt die Kleine Bartfledermaus eine Anbindung der Siedlungsbereiche an das Umland. Diese kann vor allem durch die Entnahme und Pflege von Hecken, Obstbäumen und Feldgehölzen, z.B. bei der Zusammenlegung kleiner Parzellen zu großen Schlägen, verringert werden. Der Einsatz von Insektiziden reduziert ebenfalls die Nahrungsgrundlage der Kleinen Bartfledermaus (Dietz et al. 2007, Häussler 2003). Maßnahmen wie die Trockenlegung von Kleingewässern und Grabenräumungen in Gebieten landwirtschaftlicher Nutzung und in Waldbereichen entziehen der Kleinen Bartfledermaus eine wichtige Nahrungsgrundlage.

Da sich nicht nur die Jagdgebiete in Wäldern befinden, sondern auch immer wieder Wochenstuben in Waldgebieten nachgewiesen werden, ist der Hauptgefährdungsfaktor hier die verstärkte forstwirtschaftliche Nutzung der Wälder, insbesondere die Entfernung von Altbaumbeständen und Höhlenbäumen. Besonders in der Wochenstubenzeit werden Wälder als Jagdgebiete genutzt. Daher können Insektizideinsätze, Trockenlegung von Kleingewässern oder feuchten Wäldern ebenfalls eine wichtige Nahrungsgrundlage der Kleinen Bartfledermaus verringern.