Bundesamt für Naturschutz

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Ökologie & Lebenszyklus

Ökologie der Art

Der Kleine Abendsegler ist eine typische Waldfledermaus, die gelegentlich auch Gebäudequartiere bezieht. Paarungs- und Wochenstubenquartiere sind üblicherweise in Baumhöhlen zu finden. Darüber hinaus werden Spalten- und Rindenquartiere, insbesondere von kleineren Gruppen oder Einzeltieren genutzt. Fledermauskästen werden ebenfalls angenommen, aber offenbar nur bei Knappheit natürlicher Baumhöhlen (Dietz et al. 2007, Ruczyński & Ruczyńska 2000, Schmidt 2010, Schorcht & Boye 2004, Walk & Rudolph 2004). Die Wochenstuben umfassen rund 20–50 Weibchen. Die Kolonien des Kleinen Abendseglers wechseln sehr häufig das Quartier. Zunehmend werden Quartiere in Spalten und Hohlräumen an Gebäuden nachgewiesen. In Irland werden in solchen Quartieren Koloniegrößen von 800–1.000 Tieren erreicht (Bogdanowicz & Ruprecht 2011, Červený & Bürger 1989, Dietz et al. 2007, Fuhrmann et al. 2002, Hutson et al. 2008, Ruczyński & Ruczyńska 2000, Schober & Grimmberger 1998, Schorcht & Boye 2004).

Der Kleine Abendsegler jagt in schnellem (z.T. über 40 km/h), überwiegend geradlinigem, aber durchaus wendigem Flug. Seine Ortungsrufe sind an die Jagd im offenen Raum angepasst. (Dietz et al. 2007, Harbusch et al. 2002, Meschede & Heller 2000, Schober & Grimmberger 1998, Schorcht 2002, Schorcht & Boye 2004). Die Jagdgebiete können dabei bis zu 17 km von den Quartieren entfernt liegen, befinden sich aber zumeist im Umkreis von 3 km (Schorcht 2002). Als Jagdgebiete werden offenbar keine bestimmten Lebensräume bevorzugt. Der Kleine Abendsegler jagt überwiegend im freien Luftraum z.B. über Baumkronen, Gewässern, an Waldrändern, über Waldlichtungen und Schneisen. Kleinräumig gegliedertes Offenland und Parks oder Alleen werden ebenso nach Insekten abgesucht wie der Luftraum rund um Lampen in Ortschaften.

Die Nahrung der Art besteht aus überwiegend mittelgroßer Beute, wobei es keine Spezialisierung auf bestimmte Nahrungstiere gibt (Dietz et al. 2007, Meschede & Heller 2000, Schorcht 2002, Schorcht & Boye 2004). Gefressen werden zu einem großen Teil Schmetterlinge, Zweiflügler (v.a. Schnaken, Zuckmücken u.ä.), Netz- und Köcherfliegen (Beck 1995, Dietz et al. 2007, Schober & Grimmberger 1998, Vaughan 1997).

Kleine Abendseglermännchen balzen mit charakteristischen Singflügen. Sie versammeln sich in Harems mit mehreren Weibchen in Baumhöhlen oder Nistkästen. Es wurden schon bis zu zwölf Weibchen mit einem Männchen angetroffen. Die Anlockung der Weibchen erfolgt akustisch und wahrscheinlich auch über Lockstoffe. Paarungsquartiere liegen meist exponiert, z.B. auf Kuppen an Waldinnenkanten und Lichtungen oder nahe der Oberkante von Böschungen (Ohlendorf & Ohlendorf 1998, Schmidt 2010, Schober & Grimmberger 1998, Schorcht & Boye 2004).

Der Kleine Abendsegler gehört zu den Langstreckenziehern, die jährliche Wanderungen zwischen Fortpflanzungs- und Überwinterungsgebieten durchführen. Hierbei werden Entfernungen von mehreren hundert Kilometern zurückgelegt. Die weiteste, eindeutig nachgewiesene Wanderung war die eines in Sachsen-Anhalt beringten Weibchens, dass mindestens zweimal eine ungefähr 1.560 km lange Strecke zwischen Sachsen-Anhalt und der Provinz Burgos in Spanien zurückgelegt hat (Meschede & Heller 2000, Ohlendorf et al. 2001, Schober & Grimmberger 1998).

Die Überwinterungsgebiete der Art liegen zum größten Teil außerhalb Deutschlands. Nur aus Baden-Württemberg sind Überwinterungsnachweise bekannt. Zumeist werden nur Einzeltiere oder kleine Gruppen überwinternder Kleiner Abendsegler in Deutschland in Höhlen, Nist- und Flachkästen gefunden (Braun & Häussler 2003, Fischer 1999, Schorcht & Boye 2004, Shiel & Fairley 2000, Walk & Rudolph 2004, Windeln 2009). Vermutlich nutzt der Kleine Abendsegler aber auch Baumhöhlen, Felsspalten und Spalten in und an Gebäuden als Winterquartiere (Dietz et al. 2007, Kuhnert-Ryser 1990, Schober & Grimmberger 1998, Schorcht & Boye 2004).

Das bisher dokumentierte Höchstalter des Kleinen Abendseglers liegt bei 11 Jahren (Steffens et al. 2004).

Beschreibung des Lebenszyklus im Zusammenhang mit Landnutzungsaktivitäten

Gegen Anfang April verlassen die Kleinen Abendsegler ihre Winterquartiere. Die Weibchen erscheinen dann bis Mai bzw. Anfang Juni in den Wochenstubenquartieren. Die Geburt der ein bis zwei Jungtiere erfolgt ab Mitte Juni (Schober & Grimmberger 1998, Shiel & Fairley 2000). Während der Wochenstubenzeit wechseln die Kolonien häufig, mitunter täglich, das Quartier. Im August bis Anfang September lösen sich die Wochenstuben allmählich auf, wobei die Jungtiere noch länger in den Quartieren verweilen. Spätestens im Oktober haben dann auch die Jungtiere die Wochenstubenquartiere verlassen (Ruczyński & Ruczyńska 2000, Schorcht & Boye 2004, Walk & Rudolph 2004). Die Besetzung der Balz- und Paarungsquartiere durch die Männchen und die Paarungen erfolgen ab Ende Juli bis in den September hinein (Ohlendorf & Ohlendorf 1998, Schmidt 2010, Schober & Grimmberger 1998, Schorcht & Boye 2004). Zwischen Ende September und Anfang April überwintern die Tiere (Dietz et al. 2007, Schober & Grimmberger 1998, Schorcht & Boye 2004).

Der Kleine Abendsegler ist eine stark waldgebundene Fledermausart mit einem umfangreichen Bedarf an Baumquartieren (Wochenstuben mit häufigen Quartierwechseln, Kontakt-, Männchen-, Balz-/Paarungs- und Winterquartiere). Ein Einschlag von Alt- und Totholz besonders im Sommer führt daher zwangsläufig zum Verlust von Quartieren und somit auch zu einer Beeinträchtigung der Wochenstuben. Schwachholz und Zwieselbäume sind als potenzielle zukünftige Höhlenbäume von großer Bedeutung.

Die Jagdgebiete des Kleinen Abendseglers sind sehr vielfältig. Er jagt je nach Insektenvorkommen im freien Luftraum in den Landschaftsbereichen, die gerade ausreichend Nahrung bieten wie z.B. über Baumkronen, Gewässern oder an Waldrändern und Lampen. Mögliche Konflikte mit der Landnutzung ergeben sich daher aus allen Nutzungen, die die Nahrungsverfügbarkeit, vor allem in der Zeit der Jungenaufzucht, verringern. Dies können forstwirtschaftliche Maßnahmen wie die Umwandlung insektenreicher Laubmischwälder in Fichtenforste, Rückbau naturnaher Waldränder, Gifteinsatz zur Bekämpfung von Insekten u.ä. sein. Auch im Offenlandbereich kann eine Reduktion der Insekten durch stärkere Nutzung (Umwandlung von Wiesen und Weiden in Ackerland, mehrfache Mahd) eintreten. Die Vereinheitlichung der Landschaft durch Bewirtschaftung immer größerer Flächen und der damit einhergehende Verlust an insektenreichen Landschaftsbestandteilen wie Hecken und Säumen führt zur Reduktion der Nahrungsgrundlage.

Der Einsatz von Insektiziden führt nicht nur zur Verringerung der Nahrungsgrundlage der Kleinen Abendsegler, sondern auch zu einer Vergiftung der Fledermäuse.