Bundesamt für Naturschutz

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Ökologie & Lebenszyklus

Ökologie der Art

Die Haarstrangwurzeleule kommt in Deutschland in zwei sehr unterschiedlichen Lebensräumen vor. Zum Einen sind dies die Flussniederungen an verschiedenen Flüssen, wo sie auf wechseltrockenen bis frischen mageren Wiesen und Magerrasen aber auch Hochwasserdämmen sowie an steilen wärmebegünstigten Hängen in Flussnähe vorkommt. Besonders am Rhein sind die Dämme auch ein wichtiges Vernetzungselement, ansonsten handelt es sich hier meist um ein- bis zweischürige Auwiesen. Zum Anderen sind dies Waldlichtungen und lichter Wald sowie angrenzende versaumende und vergrasende Magerrasen (hier z.T. in Steillage). Dieser Lebensraum ist aktuell nur noch im Grenzbereich zwischen Bayern und Thüringen, an den west- und südexponierten Keuperhängen des Schönbuchsüdrandes und des Spitzberges (im Neckartal) sowie an wenigen Stellen in der Rheinaue und im Oberen Mittelrheintal besiedelt.

Allen Vorkommen ist gemeinsam, dass sie Bestände der in Deutschland einzigen Raupennahrungspflanze Arznei-Haarstrang (Peucedanum officinale) tragen. Außerhalb Deutschlands werden allerdings auch andere Haarstrang-Arten genutzt (Steiner 1998). Kleinklimatisch handelt es sich immer um wärmebegünstigte Stellen, die außerdem von einer gewissen Luftfeuchte geprägt sind. Dies kann durch die Flussnähe, wechseltrockene Böden sowie die geschützte Lage auf Waldlichtungen bedingt sein. Da der Arznei-Haarstrang als Zeiger für wechseltrockene Bedingungen gilt, ist der enge kleinklimatische Bezug schon auf der Ebene der Raupennahrungspflanze gegeben. Darüber hinaus handelt es sich bei den Standorten in der Regel um grasreiche Brachen oder ein- bis zweischürige Auwiesen.

Die Raupen sind hoch spezialisiert und fressen in Deutschland nur am Arznei-Haarstrang. Sie dringen oberirdisch in den Stängel ein und fressen sich von dort ausgehend in die Wurzel vor (Ernst 2005a). Dort verbringen sie die meiste Zeit ihrer Entwicklung, sind also nicht direkt sichtbar.

Von den Faltern liegen nahezu keine Beobachtungen zur Nahrungsaufnahme vor. Der einzige Hinweis ist ein Fund von zwei Tieren an einem Köder (Steiner 1998). Da die Falter einen funktionsfähigen, wenn auch vergleichsweise (zu anderen Eulenfaltern) schwach entwickelten Saugrüssel haben, nehmen Biewald & Steiner (2006) an, dass vor allem eine Aufnahme von Tau- und Regentropfen erfolgt.

Beschreibung des Lebenszyklus im Zusammenhang mit Landnutzungsaktivitäten

Die Flugzeit der spät im Jahr fliegenden Haarstrangwurzeleule beginnt je nach Region ab Ende August oder Mitte/Ende September und dauert bis Mitte/Ende Oktober an. Die Weibchen legen ihre Eier meist an vertrockneten Gräsern im Umfeld der Nahrungspflanze Arznei-Haarstrang oder an dieser ab. Dabei platzieren sie die abgeflachten Eier so weit wie möglich in die Ritze zwischen dem Grasstängel und der am Stängel lose anliegenden Blattscheide (Ringwood et al. 2002). Die Eier werden dort in Gelegen von typischerweise etwa 200 Eiern abgelegt. Diese Ablage der Eigelege an den Grashalmen bietet nicht nur eine geschützte Position, sondern auch gute Überwinterungsbedingungen. Sie sind weder den Witterungsbedingungen zu stark ausgesetzt, noch von der bodennahen Fäulnis bedroht. Nach Beobachtungen in England (Ringwood et al. 2002) befinden sich die Eigelege in 15-75 cm Höhe (im Mittel 44 cm), ähnliche Höhen wurden am Neckar ermittelt. Daher werden die Eigelege der Haarstrangwurzeleule bei einer Nutzung während der Überwinterung leicht mit entfernt und das Vorkommen wird stark geschädigt. Damit die bevorzugten Eiablagestellen (trockene Halme, z.T in einer Altgrasdecke) entstehen können, darf auch einige Wochen vor der Eiablagezeit keine Nutzung mehr erfolgen.

Die Raupen schlüpfen im April oder Anfang Mai des folgenden Jahres. Dann folgt vermutlich eine kritische Phase, da sie die nächste Futterpflanze finden müssen. Die in England beobachteten Eiablagen waren im Mittel 30 cm von der nächsten Futterpflanze entfernt, die maximale Distanz waren 150 cm, Steiner (1998) berichtet von bis zu 5 m. Das genaue Verhalten der Raupen ist noch unbekannt.

Wenn die Raupen den Arznei-Haarstrang erreicht haben, bohren sie sich in dessen Stängel ein. Von dort fressen sie sich im April und Mai bis in den Wurzelstock durch, wobei sie mehr als 20 cm tief in die Wurzel vordringen können. Ab etwa Juni ist die Raupe dann im Wurzelstock und lässt sich durch ausgeworfenes Bohrmehl (gelblich-weißer Kot) am Stängelgrund gut nachweisen. Diese Phase von etwa Juni bis Anfang/Mitte August, wenn die Raupe im Wurzelstock lebt, ist der einzige Zeitraum, in dem eine Mahd erfolgen kann, ohne die Tiere direkt zu schädigen. Allerdings zeigen Erfahrungen am Neckar, dass eine Mahd im Juni dort zu früh sein könnte.

In dieser Zeit reduziert sich auch die Zahl der Raupen, so dass bei kleinen Pflanzen mit einem oder wenigen Trieben in der Regel nur eine Raupe nachweisbar ist, lediglich bei großen Pflanzen mit weit ausladenden Wurzelstöcken und vielen Trieben können sich mehrere Raupen entwickeln. Eine genaue Zuordnung der Bohrmehlhaufen als Nachweis für die Anzahl der Raupen ist nicht einfach, da eine einzelne Raupe auch mehrere erzeugen kann.

Die erwachsenen Raupen bereiten sich ab etwa Anfang August auf die Verpuppung vor. Dabei wird auf Erdbodenniveau ein Ausschlupfloch mit einem Gespinst verschlossen unter dem die Verpuppung erfolgt. In dieser Zeit ist die Art gegen Mahd empfindlich.