Bundesamt für Naturschutz

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Ökologie & Lebenszyklus

Ökologie der Art

Die Grüne Flussjungfer gehört zu den Arten, die vorwiegend oder fast ausschließlich Fließgewässer besiedeln. Seltene Einzelfunde von Larven oder Exuvien (Häute des letzten Larvenstadiums) an Stillgewässern stammen in der Regel von Exemplaren, die aus Fließgewässern hierhin verdriftet wurden. Dabei besiedelt die Grüne Flussjungfer sowohl kleinere Bäche von weniger als 5 m Breite als auch mittlere und große Flüsse, sowie Ströme von bis zu mehr als 100 m Breite. Dementsprechend findet sie sich sowohl in den eher sommerkühlen Fließgewässer-Oberläufen, die meist durch gröbere Bodenmaterialien, ein größeres Gefälle und höhere Fließgeschwindigkeiten gekennzeichnet sind, als auch an den Mittel- und Unterläufen. Letztere sind charakterisiert durch feinere Bodenmaterialien, ein geringeres Gefälle und geringere Fließgeschwindigkeiten. Beispiele für solche Gewässer sind die Mittel- und Unterläufe von Oder, Elbe, Weser und Donau.

Bevorzugt werden von der Grünen Flussjungfer locker mit Gehölzen bestandene und zumindest in Teilen gut besonnte Fließgewässerabschnitte. Die Beschattung ist meist nicht höher als 50 bis 60 % (Suhling & Müller 1996). Die Gewässersohle besteht zumindest in Teilen aus sandig-kiesigen Substraten und ist – wenn überhaupt – nur stellenweise und kleinräumig von untergetauchten Pflanzen bewachsen. In den Gewässergrund graben sich die Larven 3-10 mm tief in den Boden ein, um dort als Ansitzjäger auf Beutefang zu gehen. Sie besiedeln vor allem Bereiche mit stärkerer Strömung und Fließgeschwindigkeiten von über 0,4 m/s. Sie finden sich bevorzugt in sandigen und kiesigen Bereichen. In größeren Flüssen und Strömen wie Oder, Elbe, Weser und Rhein besiedeln die Larven der Art auch Felder zwischen den keilförmig und rechtwinklig zur Strömung in den Fluss gebauten Dammbauwerken, den sogenannten Buhnen. Da hier die Strömungsgeschwindigkeit durch die Buhnen herabgesetzt ist und es zudem zu Verwirbelungen kommt, werden zwischen den Buhnen kleinräumig unterschiedliche, zumeist jedoch feinkörnige Bodenmaterialien abgelagert. Die Larven der Grünen Flussjungfer finden sich hier meist in den an den Hauptfluss angrenzenden Bereichen, die aufgrund einer mäßigen Strömung sandig-kiesige Böden ohne Auflagerungen abgestorbener Pflanzenreste aufweisen (Müller 2002).

Abschnitte, die in hohen Individuendichten besiedelt werden, sind oft gekennzeichnet durch eine hohe Vielfalt unterschiedlicher Bodentypen und Korngrößen auf kleinstem Raum. Hier finden sich die Larven der Grünen Flussjungfer an Stellen, wo Sand zwischen gröberem Kies oder Steinen abgelagert ist. Solche Lebensräume entstehen vor allem in Flüssen, in denen die Kraft des Wassers noch den Boden umlagern kann und diese Dynamik nicht durch Ufer- und Sohlverbau unterbunden wird. Auch im Wasser liegendes Totholz sorgt für eine Vielfalt unterschiedlicher Materialien auf kleinem Raum, da hier Verwirbelungen auftreten. Beides fördert somit die Besiedlung der Gewässer durch die Grüne Flussjungfer.

Anders als die Larven sind die Imagines (Geschlechtsstadium der Libellen) sehr mobil und finden sich oft noch in mehr als 10 Kilometern Entfernung von ihren Fortpflanzungsgewässern, wo sie insektenreiche Lebensräume zur Jagd nutzen. Zur Fortpflanzung kommen die Tiere wieder ans Gewässer zurück, wo die Sitzwarten der Männchen meist an besonnten Gewässerabschnitten liegen.

Beschreibung des Lebenszyklus im Zusammenhang mit Landnutzungsaktivitäten

Die Entwicklungsdauer von der Eiablage bis zum Schlupf beträgt je nach Temperaturhaushalt und Nahrungsangebot des Gewässers zwischen zwei und vier Jahre. Die Eientwicklung dauert 35 bis 115 Tage, bei späten Eiablagen kann die Art im Eistadium überwintern. Während des zweiten und ggf. dritten oder vierten Winters erfolgt eine Entwicklungsruhe der Larven.

Die Flugzeit der Art liegt zwischen Mai und Mitte Oktober und kann regional sehr unterschiedlich sein. In größeren Flüssen, die bereits im Frühjahr höhere Wassertemperaturen aufweisen, setzt der Schlupf meist schon Anfang Mai ein, während in kleineren, sommerkühleren Fließgewässern der Schlupf oft erst im Juni oder Juli beginnt. Die Schlupfzeit ist relativ lang und kann sich bis in den August erstrecken. Die durchschnittliche Dauer der Schlupfperiode lag bei Untersuchungen an der Oder bei 50 Tagen (Müller 1995). Der Schlupf vollzieht sich tagsüber, hauptsächlich in den Morgen- und Vormittagsstunden.

Nach dem Schlupf suchen die Tiere Lebensräume auf, in denen sie Jagd auf andere Insekten machen. Dies sind vor allem Waldränder, Lichtungen, Brachen und Grünland. Ungemähte Wiesen werden dabei gemähten Wiesen deutlich vorgezogen (Sternberg et al. 2000).

Fortpflanzungsaktivitäten wie Paarung und Eiablage lassen sich erstmals etwa drei Wochen nach dem Schlupf beobachten, wobei die Tiere zur Paarbildung und zur Fortpflanzung an die Gewässer zurückkehren. Dabei sitzen die Männchen an kleineren Fließgewässern auf Sitzwarten am Ufer. An größeren Flüssen ab einer Breite von etwa 20 m fliegen die Männchen oft in der Flussmitte ausdauernd über dem Wasser. Auch die Eiablage vollzieht sich zumeist in der Gewässermitte in das freie Wasser durch Abgabe von Eiballen.