Bundesamt für Naturschutz

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Ökologie & Lebenszyklus

Ökologie der Art

Die Große Hufeisennase nutzt als Wochenstubenquartier in Südeuropa überwiegend sommerwarme Höhlen und Stollen. In Mitteleuropa sucht die wärmeliebende Art v.a. große Dachböden zur Jungenaufzucht auf (Dietz et al. 2007). In Deutschland waren in den 1950er und 1960er Jahren insgesamt drei Wochenstuben der Großen Hufeisennasen bekannt [im Altmühltal (Issel & Issel 1960) im Nahetal und in Südbaden (Helversen et al. 1987)], die alle bis 1970 verschwanden. Erst 1992 wurde eine neue, bis heute existierende Wochenstube dieser seltenen Art in der Oberpfalz auf einem Dachboden entdeckt (Helversen et al. 1993).

Die als Wochenstubenquartier genutzten Dachböden sind warm mit einem ausgeglichenen Raumklima und weisen mehrere Hangplätze auf, so dass die Tiere je nach Witterung einen für sie optimalen Hangplatz wählen können. Die Große Hufeisennase nutzt schwerpunktmäßig ein Wochenstubenquartier, daneben werden weitere Zwischen-, Tages- und Nachtquartiere aufgesucht (Bontadina 2002, Duvergé 1996, Geiger 1996). Neben den sich fortpflanzenden Weibchen treten junge, nicht geschlechtsreife Männchen und Weibchen in den Wochenstubenquartieren auf (Meschede & Rudolph 2010). Einzeltiere (Männchen und Weibchen) nutzen weitere Tages- und Nachtquartiere auf Dachböden in der Umgebung des Wochenstubenquartiers (Bontadina 2002, Duvergé 1996, Meschede & Rudolph 2010).

Die Jagdgebiete der Großen Hufeisennase liegen zum überwiegenden Teil in der direkten Umgebung des Wochenstubenquartiers in bis zu 3,5 km Entfernung (Bontadina 2002, Helversen et al. 1993). Untersuchungen in Mitteleuropa zeigen, dass die Große Hufeisennase vor allem Laubwälder, fließgewässerbegleitende Gehölze, Waldränder, -wiesen und -lichtungen, Hecken, Baumreihen, Weiden und Obstwiesen als Jagdgebiete nutzt (Bontadina 2002, Duvergé 1996, Geiger 1996). Die einzige bekannte Wochenstube in Deutschland (Oberpfalz) sucht zur Jagd einen im wesentlichen von großen, extensiven Grünlandbereichen, Hecken, Gehölzen und von einem lichten Altkiefernbestand mit Magerrasen und Felsköpfen geprägten Truppenübungsplatz auf (Geiger 1996). Da die Jagd immer in Verbindung mit Gehölzen erfolgt, sind besonders kleinräumig gegliederte Lebensräume mit langen Wald/Gehölz-Offenlandgrenzen wichtig für die Große Hufeisennase. Auf diese Weise kann sie ihre artspezifische Jagdstrategie, die Wartenjagd, erfolgreich umsetzen (Bontadina 2002). Hierbei hängt sich die Fledermaus an exponierte Stellen, wie einem Ast, und wartet bis sie ein größeres Beutetier wie Mai- und Junikäfer ortet, das dann im Flug, an einem Fraßplatz oder an der Warte verzehrt wird. Zudem sammeln sich im Windschatten von Gehölzen zahlreiche Insekten, die von der Großen Hufeisennase in einem sehr manövrierfähigen, schmetterlingsähnlichen und langsamen Flug erbeutet werden. Zu ihrem Hauptbeutespektrum gehören Mist-, Dung-, Mai-, Juni- und Gartenlaubkäfer und Schmetterlinge, aber auch Schnaken, Mücken, Fliegen und Spinnen (Dietz et al. 2007, Liegl 2004).

Die Paarungsquartiere der Männchen befinden sich in Dachstühlen, Höhlen und Stollen. Hier paaren sich die Weibchen über Jahre hinweg mit denselben Männchen (Rossiter et al. 2000, Rossiter et al. 2005).

Die Winterquartiere liegen bis zu 35 km vom Wochenstubenquartier entfernt (Pir et al. 2004). Gleichzeitig befinden sich die Winterquartiere in der Nähe geeigneter Jagdgebiete, die in warmen Nächten im Frühjahr und Herbst aufgesucht werden (Liegl 2004). Winterquartiere der Großen Hufeisennase befinden sich in geräumigen Höhlen oder Stollen mit einer hohen Luftfeuchtigkeit und Temperaturen zwischen 5 und 10°C (Dietz et al. 2007, Liegl 2004, Park et al. 1999, 2000). Überwinternde Tiere hängen einzeln oder häufig in Gruppen von 50 bis 60 Tieren frei in den Höhlen (Liegl 2004). Anders als fast alle anderen Fledermausarten schlagen sich Große Hufeisennasen während des Winterschlafes teilweise in ihre Flügel ein (Dietz et al. 2007).

Große Hufeisennasen erreichen ein relativ hohes Alter. In Deutschland konnte ein Höchstalter von 22,5 Jahren nachgewiesen werden (Liegl 2004).

Beschreibung des Lebenszyklus im Zusammenhang mit Landnutzungsaktivitäten

Nach dem Winterschlaf beziehen Große Hufeisennasen im April ihr Wochenstubenquartier. Während der Schwangerschaft und der Jungenaufzucht bilden meist 30 bis 200 (bis maximal 400) Tiere die Wochenstuben (Aulagnier et al. 2008). Die einzige bekannte Wochenstube in Deutschland umfasste im Jahr 2011 40 Weibchen und 30 Jungtiere (LBV 2011). Die Geburten erfolgen ab Ende Juni bis Ende Juli. In der Regel wird ein Jungtier pro Weibchen geboren. Mit drei bis vier Wochen sind die Jungtiere flügge. Die Auflösung der Wochenstube erfolgt langsam und zieht sich bis in den Oktober hin (Liegl 2004). Im Spätsommer beginnen die Männchen die Paarungsquartiere in Dachstühlen, Höhlen und Stollen zu besetzen (Rossiter et al. 2000, Rossiter et al. 2005). Die Paarung erfolgt ab September bis in den Winter hinein und kann auch vereinzelt im Frühjahr beobachtet werden (Dietz et al. 2007). Ab Oktober werden die Winterquartiere aufgesucht (Liegl 2004).

Die langlebigen Tiere weisen eine hohe Treue gegenüber ihren Sommer- und Winterquartieren auf (Bihari 2001, Issel & Issel 1960). Eine landwirtschaftliche Nutzung, die besonders in der Umgebung des Wochenstubenquartiers eine kleinräumig gegliederte Kulturlandschaft erhält und entwickelt, bildet eine optimale Lebensgrundlage für die Große Hufeisennase. Ein weiterer Zusammenhang mit der landwirtschaftlichen Nutzung ergibt sich durch die Dungkäfer, die zu den Hauptbeutetieren der Großen Hufeisennase (v.a. im Sommer und Herbst) gehören. Durch die Erhaltung von beweideten Flächen im Umkreis ihrer Quartiere wird ihre Nahrungsgrundlage gesichert, da sich in Dung viele Käfer entwickeln. Jedoch ist zu beachten, dass die medizinische Behandlung von Weidevieh gegen Parasiten zu einer verringerten Insektenentwicklung im Tierkot führt (Petermann 2011) und die Nahrungsgrundlage der Großen Hufeisennase reduziert. Des Weiteren ist die Große Hufeisennase auf ein Nebeneinander von großen extensiven Grünlandbereichen (v.a. Weiden), Hecken und sonstigen Feldgehölzen angewiesen (Geiger 1996). Die räumliche Anbindung dieser Lebensraumelemente an einen Laubwald ist für die Art wesentlich, da sie hier vor allem im Frühjahr nach Käfern jagt. Durch den Einsatz von Insektiziden in der Land- und Forstwirtschaft (z.B. bei der Bekämpfung von Maikäfern) werden zum einen die Verfügbarkeit von Großinsekten, zum anderen die Insektendichte und der Insektenreichtum minimiert. Außerdem kommt es zu einer Anreicherung der Wirkstoffe in den Fledermäusen und damit langfristig zu einer Vergiftung der Tiere (Braun 1986).