Bundesamt für Naturschutz

Hauptbereichsmenü



Ökologie & Lebenszyklus

Ökologie der Art

Der Eschen-Scheckenfalter ist eine Lichtwaldart. Geeignete Lebensräume in Mitteleuropa sind feuchte Lichtungen und Jungbaumbestände in Auwäldern, Bruchwäldern und Laubmischwäldern, sofern ausreichend Luftfeuchte und Besonnung erreicht wird. In solchen Lagen werden junge oder sehr tief beastete Eschen zur Eiablage genutzt. An geeigneten Standorten bietet insbesondere der Stockausschlagswald günstige Lebensräume, aber auch natürliche dynamische Prozesse und eine weitergehende Nutzungsvielfalt können zur Schaffung von Lebensräumen beitragen. Eschen an Waldaußenrändern werden z.B. im Steigerwald nicht oder nur ausnahmsweise genutzt, da sie vermutlich zu windexponiert und dadurch eventuell zu trocken stehen. Im Vorland der Schwäbischen Alb wurden Landschaften aus Baumhecken mit zwischengelagerten Wiesenstreifen besiedelt, dort sind jedoch alle Fundorte seit wenigen Jahren verwaist. Es wird angenommen, dass die Standorte zu trocken geworden sind. In der Kocher-Jagst-Ebene werden feuchte Bachtäler genutzt, die kleinparzelliert bewirtschaftet werden. Die Lebensräume zeigen einen mosaikartigen, kleinräumigen Wechsel von mehr oder weniger feuchten Fettwiesen, Hecken/Feldgehölzen und Laubwaldbeständen mit sehr hohem Eschenanteil unterschiedlichen Alters. Im Berchtesgadener Land sind Verzahnungsbereiche von Streuwiesen, brach gefallenen Streuwiesen und Waldinseln aktuell besiedelt. Die enge Verzahnung der Landnutzungen und die hohe Luftfeuchte (Bachtäler, hohe Niederschläge am Alpenrand) in wärmebegünstigter Lage sind Schlüsselfaktoren für die Vorkommen.

Aktuell findet man den Eschen-Scheckenfalter in Bayern in bewirtschafteten Mittelwäldern im Steigerwald auf ca. 8 bis 25 Jahre alten Hiebsflächen sowie auf kleinen Kahlschlagsflächen im Wald bzw. an breiten Wald- und Wegrändern, die in Mosaiklandschaften kleinklimatisch den Waldinnencharakter der lichten Wälder aufweisen (Freese et al. 2006). Diesen Standorten ist gemeinsam, dass der benötigte lichte, warm-feuchte Bestandscharakter nicht durch die (in Mitteleuropa nahezu verloren gegangene) dynamische Au- oder Bruchwaldsituation, sondern durch die Art der Bewirtschaftung auf wechselfeuchten oder feuchten Standorten entsteht.

Als Nektarpflanzen für die Falter dienen je nach Verfügbarkeit sehr unterschiedliche Blütenpflanzen. In den Wäldern blühen z.B. Giersch und Liguster zur Flugzeit und werden häufig genutzt, bei Salzburg ist es häufig Hartriegel. Wo Wiesen im Nutzungsmosaik zur Verfügung stehen, werden die dortigen Blüten genutzt, in der Kocher-Jagst-Ebene und im Vorland der Schwäbischen Alb ist dies am häufigsten der Wiesen-Pippau. Vor allem die Männchen saugen regelmäßig auch an feuchter Erde, Aas und Kot. Um Nektarquellen bereit zu stellen, werden im Vorland der Schwäbischen Alb Wiesenstreifen daher erst nach der Flugzeit bewirtschaftet. Es wird angenommen, dass eine ausreichende Falternahrung sich auch auf die Größe der Vorkommen auswirkt.

Beschreibung des Lebenszyklus im Zusammenhang mit Landnutzungsaktivitäten

Die Hauptflugzeit des Eschen-Scheckenfalters liegt im Juni und dauert bis Anfang/Mitte Juli. An manchen Standorten (Kocher-Jagst-Ebene, Vorland der Schwäbischen Alb) oder in warmen Jahren werden die ersten Falter allerdings schon ab Mitte Mai beobachtet.

Die Weibchen legen in Deutschland ihre Eigelege nahezu ausschließlich an die Unterseite von Eschenblättern, bevorzugt an die vordersten Fiederblätter nahe der Blattspitze in südlicher Exposition ab. Nur in seltenen Ausnahmefällen werden andere Pflanzenarten zur Eiablage genutzt (Dolek et al. in Vorb.). Zudem werden vorwiegend Höhen von 1,5 bis 3,0 m (Gesamtspanne < 1 m bis > 15 m) über dem Boden genutzt, im Salzburger Land erfolgt die Eiablage vermutlich aufgrund klimatischer Unterschiede (hohe Niederschläge am Alpenrand) im Mittel etwas höher im Baum (Freese et al. 2006). Ein Teil dieser Variation wird durch die Höhe der unter der Esche wachsenden Pflanzendecke erklärt (Dolek et al. 2008), ein anderer durch jahrweise (wetterbedingte) Unterschiede und die Geländeform.

Die Eigelege bestehen meist aus mehreren hundert Eiern, die in drei bis vier Schichten abgelegt werden. Es treten immer jedoch auch sehr kleine Gelege mit ca. 50 Eiern auf.

Die etwa Mitte Juni bis Anfang Juli schlüpfenden Raupen spinnen gemeinsam ein Seidengespinst, in dem sie ruhen aber nur teilweise fressen. Im Gespinst haben sie einen gewissen Schutz vor Feinden, wie Parasitoiden und räuberischen Wanzen, die häufig neben dem Gespinst warten (Dolek et al. 2006), sowie die Möglichkeit ungünstige Witterung auszugleichen. Die Gespinste werden regelmäßig zu mehreren an einer Esche gefunden, was höhere Überlebensraten bringt (Dolek et al. in Vorb.).

Ab dem dritten Larvenstadium im Juli/August wandern die Raupen bereits ab und überwintern in Gruppen in zusammengerollten Blättern in der Streu am Boden. Während der Raupenphase müssen für die Entwicklung geeignete Eschen erhalten bleiben, genauso wie im Winter die Streuschicht, da dort die Raupen überwintern. Eine Holznutzung darf daher nie flächig erfolgen.

Im Frühjahr erscheinen die überwinterten Raupen ab Ende März oder April. Zu dieser Zeit hat die Esche noch nicht ausgetrieben und es werden entweder verschiedene andere Pflanzen befressen (z.B. Spitzwegerich, Liguster, Gewöhnlicher Schneeball, Sumpf-Baldrian, Efeublättriger Ehrenpreis) oder die Raupen sitzen auf Eschenzweigen und sonnen sich bzw. laufen am Boden suchend herum. Im Salzburger Land wurden nach dem Antreiben der Eschen die Raupen allerdings nahezu ausschließlich auf den Eschen wiedergefunden (Freese et al. 2006), während in Italien die Raupen verschiedene Fraßstrategien verfolgen (Dolek et al. in Vorb.). Daher muss die Bedeutung der Frühjahrsnahrung jenseits der Esche je nach Standort sehr unterschiedlich gewertet werden. Wo entsprechende Pflanzenarten vorhanden sind, sollten sie durch die Nutzung auch erhalten und gefördert werden.

Die Zahl der Überwinterungen schwankt zwischen ein- bis viermal (Drews 2003, Eliasson & Shaw 2003), daher können Teillebensräume, die im Vorjahr nicht belegt waren, trotzdem mit Raupen besetzt sein. Die Raupen verpuppen sich an Jungbäumen, am Stamm von Altbäumen in etwa 1 bis 2 Metern Höhe oder an krautigen Pflanzen. Letzteres wurde vor allem in der Kocher-Jagst-Ebene und im Vorland der Schwäbischen Alb beobachtet – eine Wiesen- oder Weidennutzung zu dieser Zeit bringt daher massive Verluste. Für das Überleben der Puppe während der knapp 3 bis 4 Wochen andauernden Puppenruhe etwa im Mai bis Anfang Juni ist ein feuchtwarmes Kleinklima wichtig.