Bundesamt für Naturschutz

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Ökologie & Lebenszyklus

Ökologie der Art

Der Eremit entwickelt sich in verschiedenen Laubbäumen. Wichtiger als die Baumart ist das Vorhandensein eines genügend großen Mulmvorrats mit geeigneter Feuchte und Konsistenz. Am häufigsten werden Eichen, Linden, Rotbuchen, Eschen, Weiden und Obstgehölze als Brutbäume genutzt (Schaffrath 2003, Stegner et al. 2009). In Frage kommen aber auch Erle, Rosskastanie, Hainbuchen und selbst nichtheimische Baumarten wie Robinie, Silberahorn, Esskastanie und Platane. Ausnahmen sind Vorkommen in Nadelgehölzen wie Tanne oder Eibe (Schaffrath 2003, Stegner et al. 2009). Bei der Wahl der Brutbäume gibt es offensichtlich deutliche regionale Unterschiede. Während im Osten Deutschlands, neben den Streuobstwiesen, speziell den Kopfweiden eine große Bedeutung als Brutbaum zukommt, wurde in den nordwestlichen Bundesländern (Schleswig-Holstein, Hamburg sowie Niedersachsen) noch kein einziges Vorkommen an Weiden festgestellt. Die Rotbuche wiederum soll in Bayern als Brutbaum praktisch keine Rolle spielen (LFW 2005), während sie weiter im Norden zu den Hauptbrutbäumen zu rechnen ist.

Es werden Bäume mit noch weitgehend intakten, möglichst großen Stamm- oder Asthöhlen besiedelt, die feuchten (nicht nassen) braunfaulen bis schwarzen Mulm enthalten. Die Larven fressen in der Höhle insbesondere an der Grenze zwischen Mulm und noch hartem Holz.

Bei freistehenden Bäumen ist mit Höhlen in geringerer Höhe zu rechnen als in hoch aufgewachsenen Bäumen geschlossener Bestände. Bussler & Müller (2008) geben für Höhlen untersuchter Eremiten-Eichen in Bayern Höhen zwischen 10 bis 25 Meter an. Brutvorkommen in Rotbuchen befinden sich vermutlich in der Regel in großer Höhe (Schaffrath 2003). Höhlen am Stammfuß und „durchgewachsene“ Höhlen mit Bodenkontakt werden allgemein als ungeeignet angesehen (Stegner 2004), Besiedlung mit dem Eremiten kommt jedoch auch unter solchen Bedingungen vor (Schaffrath 2003) und stellt dabei nicht immer die im Untergang begriffenen Reste eines Vorkommens dar. Vorkommen im Stammfuß ohne darüber liegende alte Höhle sind aber als Ausnahmen anzusehen, als Nebenvorkommen innerhalb von Gebieten mit insgesamt starken Eremiten-Vorkommen. Ebenso zu bewerten sind nachgewiesene Larvenfunde außerhalb von Höhlen frei im feuchten morschen Holz einer Buchenruine in 4-5 m Höhe (Bellmann in litt.) oder Vorkommen in vermulmtem bzw. verpilztem Holz sowie in Spalten und Klüften dicker Hochstubben bzw. stehend abgestorbener Bäume (Möller 2009).

Die Entstehung besiedlungsfähiger Höhlen setzt bei Eichen ein Mindestalter von etwa 150 - 200 Jahren voraus. Die größten Eremiten-Vorkommen wurden in Schweden in 300 - 400jährigen Eichen festgestellt (Ranius et al. 2009). Ein unmittelbarer Zusammenhang zwischen dem Stammdurchmesser und dem Auftreten des Eremiten besteht nicht, doch weisen die stärksten Bäume in der Regel die größten Mulmkörper auf. Eine herausragende Bedeutung kommt dem Alter der Bäume zu. Die ältesten Bäume weisen nicht zugleich auch die größten Durchmesser auf. Es gibt deutliche Hinweise, dass sehr alte, langsam gewachsene Bäume für den Eremiten und andere Höhlenbewohner den größten Wert besitzen (Ranius et al. 2009) und die Präsenz des Eremiten ist ein Indikator für eine artenreiche Käfergemeinschaft in Baumhöhlen (Ranius 2002).

Beschreibung des Lebenszyklus im Zusammenhang mit Landnutzungsaktivitäten

Die Entwicklungsdauer vom Ei bis zum Käfer beträgt 3 bis 4 Jahre. Ausgewachsene Larven bauen im Herbst einen Kokon, in dem sie als Vorpuppe überwintern. Zwischen April und Juni erfolgt die Verpuppung und Umwandlung zum fertigen Käfer. Die Käfer erscheinen etwa ab Juni, der Aktivitätsschwerpunkt liegt im Zeitraum Juli - August, und nehmen im Normalfall wohl keine Nahrung mehr auf, vereinzelt wurde die Aufnahme von Saftfluss beobachtet (fakultativer Saftlecker; Schaffrath 2003a).

Landnutzungsaktivitäten können sich sowohl auf die Bedingungen während der Larvalentwicklung als auch auf die Bedingungen während der Aktivitätsphase der Käfer auswirken. Für die Larvalentwicklung ist die Verfügbarkeit und Qualität von Baumhöhlen entscheidend. Beides kann durch langfristige forstwirtschaftliche Planung beeinflusst werden. Die Eiablage erfolgt in den tieferen Schichten des Mulmkörpers. Die Larven ernähren sich von Holzmulm und morschem Holz unterschiedlichen Zersetzungsgrades. Großhöhlen werden bevorzugt und sind für die Ausbildung dauerhaft tragfähiger Bestände als entscheidend anzusehen. Von Schaffrath (2003) wird als Untergrenze für die erfolgreiche Besiedlung von Höhlen ein Mulmvolumen von 3 Litern angegeben. Im Durchschnitt beansprucht eine Larve ca. 1 Liter Mulm und ein tragfähiger Bestand entsprechend große Höhlen. Das theoretische mittlere Aussterberisiko eines Vorkommens sinkt mit der Größe des verfügbaren Mulmkörpers, optimal sind Mulmkörper > 50 Liter (Ranius 2007). Infolge der Nutzungsgeschichte unserer Wälder sind Altbäume mit Höhlen und einem großen Mulmkörper äußerst selten. Vielerorts haben Vorkommen in Parkanlagen, Alleen und Relikten alter Waldnutzungsformen überdauern können, da nur in diesen entsprechend alte Bäume vorhanden waren und noch vorhanden sind. Aus den Wirtschaftswäldern sind geeignete Altbäume (Baumveteranen) heute weitgehend verschwunden. Kurze Umtriebszeiten, Zielstärkennutzung und Qualitätsauslese haben dazu geführt, dass ein Heranwachsen geeigneter Brutbäume kaum noch zugelassen wurde. Die Umtriebszeiten betragen heute bei der Rotbuche 80 - 120 Jahre, bei der Eiche 140 - 160 Jahre, ein Alter, in dem die Herausbildung wertvoller Lebensraumelemente im Allgemeinen erst beginnt.

Für ein langfristiges Überleben des Eremiten in einem Gebiet ist die Vernetzung und Kontinuität des Bestandes an geeigneten Höhlenbäumen wichtig. Die Käfer weisen eine hohe Standorttreue auf und haben nur einen geringen Hang zur Ausbreitung. Lediglich etwa 15 % der Käfer verlassen überhaupt jemals ihren Brutbaum (Ranius und Hedin 2001). Die zurückgelegten Distanzen liegen dabei meist unter 200 m (Ranius und Hedin 2001, Schaffrath 2003, Hedin et al. 2008), die obere Grenze bei 1 - 2 km. Große, zusammenhängende Höhlenbaumbestände (z.B. große Altholzinseln) bieten somit günstigere Voraussetzungen für das Überleben eines größeren vernetzten Vorkommens, als z.B. in geringer Dichte über große Waldflächen verteilte einzelne Höhlenbäume. Insofern ist der vielfach praktizierte Ansatz, auf großen Waldflächen jeweils nur einige Biotopbäume je Hektar zu erhalten, unproduktiv.

Zusätzlich zu den erwähnten Aspekten zeichnet sich der Eremit durch ein gewisses Wärmebedürfnis aus und bevorzugt Höhlungen, die zumindest zeit- oder teilweise besonnt sind. Diese Bedingungen sind typisch für Hudelandschaften und andere lichte Waldformationen, können darüber hinaus aber auch am Rand von Baumbeständen sowie bei freistehenden Bäumen einschließlich Baumreihen und Alleen erfüllt sein. Die Anlage von Alleen und die Auflockerung von Waldbeständen können langfristig die Bedingungen für den Eremiten verbessern. Kurzfristig wirkt sich der Erhalt von Alleebäumen und von Baumveteranen in jeglicher Umgebung positiv aus. Innerhalb geschlossener Bestände sind geeignete Bedingungen aber auch in größerer Höhe gegeben (siehe Ausführung zur Ökologie).