Bundesamt für Naturschutz

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Ökologie & Lebenszyklus

Ökologie der Art

Als Quartier beziehen sowohl die Wochenstuben als auch die einzeln lebenden Männchen in erster Linie Spalten in und an Gebäuden, wie z.B. im Firstbereich von Dachböden, hinter Hausverkleidungen und hinter Fensterläden. Gelegentlich nutzt die Breitflügelfledermaus auch Lüftungsschächte in Gebäuden oder Dehnungsfugen in Brücken. Dabei werden Quartiere bevorzugt, die kleinräumig unterschiedliche kleinklimatische Bedingungen bieten, so dass die Tiere ihren Hangplatz entsprechend der Witterung wählen können. Die Breitflügelfledermaus ist sehr ortstreu und nutzt jedes Jahr dieselben Wochenstubenquartiere. Einzelne, meist männliche Tiere nutzen gelegentlich Baumhöhlen oder Nistkästen (Dietz et al. 2007, Kurtze 1991, Rosenau & Boye 2004, Simon et al. 2004). In einigen Regionen wurde ein ausgeprägtes Quartierwechselverhalten der Breitflügelfledermaus festgestellt. Dieses Verhalten und die teilweise schwere Nachweisbarkeit der Tiere, erschweren die Größenangaben der Wochenstuben. Allgemeine Angaben liegen bei 10-60 Weibchen pro Wochenstube, jedoch gibt es einige bekannte Kolonien mit im Extremfall von bis zu 300 Weibchen (Dietz et al. 2007, Niedersächsischer Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz 2010). Männchen hängen überwiegend einzeln, hin und wieder mit anderen Arten vergesellschaftet oder gelegentlich im Wochenstubenquartier (Dietz et al. 2007, Haensel 1994, Havekost 1960). Mitunter gibt es aber auch Männchenkolonien mit bis zu 20 Tieren (Dietz et al. 2007).

Die Breitflügelfledermaus ist eine Kulturfolgerin, die ihre Nahrung überwiegend im Offenland (bevorzugt über beweidetem Grünland), entlang von Baumreihen, an Waldrändern und nahe von Baumgruppen/Einzelbäumen sucht. Sie nimmt auch Beute vom Boden auf, z.B. bodenlebende oder schlüpfende Käfer, Maulwurfsgrillen oder jagt unter dem Blätterdach (Braun 2003, Kervyn & Libois 2008, Kurtze 1991, Rudolph 2004, Robinson & Stebbings 1997, Rosenau & Boye 2004). Gefressen werden überwiegend größere Käfer. Andere Insekten (v.a. Nachtfalter, Zweiflügler, Hautflügler und Wanzen) stellen jahreszeitlich und regional unterschiedlich große Bestandteile der Nahrung dar (Kervyn & Libois 2008, Rudolph 2004, Rosenau & Boye 2004). Meist werden auf dem Flug in die Jagdgebiete feste Flugrouten genutzt (Dietz et al. 2007, Rosenau & Boye 2004, Schmidt 2000). Die maximal zurückgelegte Entfernung vom Quartier zu den Jagdgebieten beträgt für die Breitflügelfledermaus 12 km. Säugende Weibchen nutzen jedoch bevorzugt die nähere Umgebung der Wochenstube in bis zu 4 km Entfernung.

Bislang wurden überwinternde Tiere in Kellern, Stollen, Höhlen und Geröllansammlungen gefunden. Außerdem gibt es Winterquartiere bzw. Winterfunde in oberirdischen Spaltenquartieren in Gebäuden. Mitunter überwintern die Tiere auch in den Sommerquartieren (Dietz et al. 2007, Rudolph 2004, Rosenau & Boye 2004). Das Wissen zum Überwinterungsverhalten ist gering. Die bekannten Winterquartiere liegen selten mehr als 40-50 km von den Sommerlebensräumen entfernt. Meist werden nur einzelne oder einige wenige Breitflügelfledermäuse in den Winterquartieren gefunden. Massenwinterquartiere sind bisher nicht bekannt, vermutlich ziehen sich die Tiere einzeln in tiefe Spalten zurück.

Das nachgewiesene Höchstalter der Breitflügelfledermaus beträgt 24 Jahre (Steffens et al. 2004).

Beschreibung des Lebenszyklus im Zusammenhang mit Landnutzungsaktivitäten

Die ersten Breitflügelfledermäuse erscheinen ab April in den Wochenstubenquartieren. Die Weibchen finden sich in Wochenstuben zusammen, wohingegen die Männchen einzeln oder in kleinen Gruppen leben. Ab Mitte Juni, teilweise auch schon ab Mitte Mai, in kalten Jahren bis Ende Juli finden die Geburten statt. Meist wird nur ein Jungtier geboren, Zwillingsgeburten sind sehr selten. Die Jungtiere werden 4-5 Wochen gesäugt (Dietz et al. 2007, Rosenau & Boye 2004). Nach Auflösung der Wochenstuben zwischen Anfang August und Mitte September finden sich Männchen und Weibchen zu Paarungsgruppen zusammen. Die Paarungszeit beginnt wahrscheinlich bereits im August und erstreckt sich durch den Herbst bis zum Winterschlaf. In Gefangenschaft gehaltene Tiere paarten sich auch im Frühjahr. Die Winterschlafzeit reicht je nach Witterung von Oktober bis April (Dietz et al. 2007, Rosenau & Boye 2004).

In der Wochenstubenzeit benötigen vor allem die Weibchen besonders viel Nahrung, um ihre Jungtiere säugen zu können. Später ist auch für die Jungtiere ein ausreichendes Nahrungsangebot wichtig, damit sie ihre Entwicklung rechtzeitig vor dem Winter abschließen können. In dieser Zeit können daher Landnutzungen, die die Nahrungsverfügbarkeit verringern, zu starken Beeinträchtigungen führen. Dazu gehören z.B. die Aufgabe der Beweidung und die Umwandlung von insektenreichen (v.a. Käfer) Wiesen- und Weideflächen in Ackerland (Vernichtung zahlreicher Käferlarven und -puppen durch Pflügen (Kervyn & Libois 2008)). Der Einsatz von Insektiziden und Herbiziden wirkt sich ebenfalls nachteilig auf die Insektenverfügbarkeit aus. Hier ist für die Breitflügelfledermaus sicher vor allem die gezielte Bekämpfung von Insektenmassenvermehrungen (Maikäfervernichtung) im Wald problematisch (Dietz et al. 2007, Rosenau & Boye 2004). Darüber hinaus führt die medizinische Behandlung von Weidevieh gegen Parasiten zu einer verringerten Insektenentwicklung im Tierkot. Da sich in Dung viele Käfer entwickeln, wird dadurch die Nahrungsgrundlage der Breitflügelfledermaus reduziert (Dietz et al. 2007, Madsen et al. 1990, Rosenau & Boye 2004, Wall & Strong 1987). Außerdem können Wegfall oder Verringerung von Feldgehölzen, Feldrainen oder Waldrändern zum Verlust traditioneller Flugrouten zwischen den Quartieren und den Jagdgebieten führen (Dietz et al. 2007, Rosenau & Boye 2004).