Bundesamt für Naturschutz

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Ökologie & Lebenszyklus

Ökologie der Art

Das Braune Langohr zeigt eine ausgeprägte Quartiertreue. Im Sommer bezieht es seine Wochenstubenquartiere vorwiegend im Wald in Baumhöhlen, in Vogel- oder Fledermauskästen sowie seltener in Baumspalten, hinter Borke. Außerdem findet man Wochenstubenquartiere auch in und an Gebäuden, bevorzugt auf Dachböden von Kirchen und Scheunen, die in der Nähe von Wäldern stehen. Hier versteckt sich das Braune Langohr gerne hinter Balken, in den Nischen von Balkenkehlen und Zapfenlöchern, zwischen Dachziegeln und hinter Holzverschalungen. Nur selten hängt es frei an Decken und Wänden. Im Siedlungsbereich findet es außerdem Quartiere in Hohlblocksteinen, Jalousiekästen, hinter Schieferverkleidungen, Fensterläden und Holzverkleidungen. Oft sind dies aber nur Zwischen- und Einzelquartiere. In den Wochenstuben kommen 10-50, in seltenen Fällen auch bis zu 100 Weibchen zusammen, die alle sehr nah miteinander verwandt sind (Benzal 1991, Entwistle et al. 1997, Fuhrmann & Godmann 1994, Meschede & Heller 2000, Sachteleben 1988, Schober & Grimmberger 1998). Zur Wochenstubenzeit können neben den Weibchen bis zu 30 % Männchen mit in den Wochenstubenquartieren leben (Sachteleben 1988). Die Quartiere werden regelmäßig (alle 1-4 Tage) gewechselt (Fuhrmann & Seitz 1992). Große Wochenstuben können sich auch in kleinere Untergruppen aufteilen. Die Entfernungen zwischen den einzelnen Quartieren betragen bis zu 700 m (Sachteleben 1988).

Auf dem Weg in die Jagdgebiete nutzt das Braune Langohr Leitelemente wie Hecken, Baumreihen, Feldgehölze zur Orientierung (Entwistle et al. 1996, Fuhrmann & Seitz 1992). So werden zur Wochenstubenzeit vor allem Jagdgebiete im Nahbereich zwischen 500 und 1.500 m Entfernung zur Wochenstube angeflogen. Im Herbst werden auch Jagdgebiete in weiterer Entfernung genutzt. Bisher wurde eine maximale Distanz von 3,3 km Entfernung zwischen den Quartieren und den Jagdgebieten nachgewiesen (Simon mdl.).

Als Jagdgebiete nutzen die Tiere auffallend dichte Wälder ebenso wie offene Waldbestände. Außerhalb des Waldes jagt das Braune Langohr auf insektenreichen Wiesen, Streuobstwiesen, Friedhöfen und Gärten, an Gebüschgruppen, Einzelbäumen oder Hecken. Häufig kann es entlang linearer Landschaftselemente z.B. an Waldrändern, Gebüsch entlang von Bahnlinien oder auf Lichtungen beim Jagen beobachtet werden (Entwistle et al. 1996, Heise & Schmidt 1988, Meschede & Heller 2000). Die Beutetiere werden entweder im freien Flug gefangen oder vom Bewuchs (Blättern und Stämmen) abgelesen. Anschließend werden sie dann zum Teil an speziellen Fraßplätzen verzehrt. Das Nahrungsspektrum verändert sich im Jahresverlauf je nach Insektenvorkommen. Die Hauptbeute bilden jedoch unter den Nachtschmetterlingen die Eulen sowie Zweiflügler. Außerdem zählen auch Weberknechte, Spinnen und Käfer zur Nahrung des Braunen Langohrs (Meschede & Heller 2000, Schober & Grimmberger 1998).

Das Braune Langohr führt nur kurze saisonale Wanderungen zwischen Sommer- und Winterquartier durch, meist zwischen 1-10 km (Fischer 1994, Steffens et al. 2004). Die weiteste festgestellte Entfernung liegt bei 90 km (Steffens et al. 2004). Das Braune Langohr gilt als kälteharte Fledermausart, weshalb man davon ausgeht, dass es auch in frostsicheren Baumhöhlen überwintert. Hierzu liegen allerdings nur wenige Funde vor. In den Übergangszeiten im Frühjahr und Herbst kann es in einer Vielzahl unterschiedlichster Quartiere an und in Gebäuden und Bäumen vorkommen (Dietz et al. 2007, Fuhrmann & Godmann 1994).

Die nachgewiesenen Winterquartiere befinden sich in Kellern und Bunkern, sowie in Stollen und Höhlen. Die Tiere hängen bzw. verstecken sich in Spalten in den Winterquartieren meist einzeln oder eher selten in kleinen Gruppen von 1-4 Individuen. In selten Fällen befinden sich bis zu 10 Exemplare in tiefen und engen Spalten eingeschoben (Heise & Schmidt 1988, Mainer 1999, Meschede & Heller 2000). Quartier- und Hangplatzwechsel im Winterquartier sind bei dieser Art keine Seltenheit (Hays et al. 1992, Mainer 1999).

Das bisher nachgewiesene Höchstalter des Braunen Langohrs beträgt 30 Jahre (Lehmann et al. 1992).

Beschreibung des Lebenszyklus im Zusammenhang mit Landnutzungsaktivitäten

Nach einem relativ kurzen Winterschlaf, von Ende November bis Anfang März (Mainer 1999) verlässt das Braune Langohr sein Winterquartier. Die Weibchen beziehen ab April die Wochenstubenquartiere und bringen ab Mitte Juni meistens je ein Junges zur Welt. Die Jungtiere sind bereits am Ende der vierten Woche nach der Geburt flugfähig (McLean & Speakman 1996, Schober & Grimmberger 1998). Nach der Jungenaufzucht, Mitte bis Ende August, lösen sich die Wochenstuben wieder auf. Die Männchen verbringen den Sommer einzeln. Erst in den Paarungsquartieren finden sich Männchen und Weibchen zu kleinen Gruppen von bis zu 30 Tieren (Paarungsgruppen von 20 Weibchen und 10 Männchen) wieder zusammen (Park et al. 1998, Witt 2008). Die Paarung der Tiere findet meist im Herbst statt, wobei auch Paarungen in den Winterquartieren und Frühjahrspaarungen beobachtet wurden (Benzal 1991, Entwistle et al. 1998, Stebbings 1966).

Das Braune Langohr ist eine waldgebundene Fledermausart mit einem umfangreichen Bedarf an Baumquartieren (Wochenstuben mit häufigen Quartierwechseln). Ein Einschlag von Höhlenbäumen in Altbaumbeständen besonders im Sommer führt daher zwangsläufig zum Verlust von Quartieren und somit auch zu einer Beeinträchtigung der Wochenstuben (Meschede & Heller 2000). Schwachholz und Zwiesel sind als potenzielle zukünftige Höhlenbäume von großer Bedeutung.

Die Jagdgebiete des Braunen Langohrs sind vielfältig. Es jagt je nach Insektenvorkommen sowohl in Wäldern, als auch über Wiesen, entlang von Hecken, Feldgehölzen, Einzelbäumen oder im Siedlungsbereich. Zusammenhänge mit der Landnutzung ergeben sich daher aus allen Nutzungen, die die Nahrungsverfügbarkeit, vor allem in der Zeit der Jungenaufzucht im nahen Umfeld der Wochenstuben, verringern. Dies können forstwirtschaftliche Maßnahmen wie die Umwandlung insektenreicher Laubmischwälder in Fichtenforste, Rückbau naturnaher Waldränder, Gifteinsatz zur Bekämpfung von Insekten u.ä. sein. Im Offenlandbereich kann auch eine Reduktion der Insekten durch stärkere Nutzung (Umwandlung von Wiesen und Weiden in Ackerland, mehrfache Mahd) eintreten. Die Vereinheitlichung der Landschaft durch Bewirtschaftung immer größerer Flächen und der damit einhergehende Verlust an insektenreichen Landschaftsbestandteilen wie Hecken und Säumen führt ebenfalls zur Reduktion der Nahrungsgrundlage.

Insektizideinsatz in jedweder Form führt nicht nur zur Verringerung der Nahrungsgrundlage des Braunen Langohrs, sondern auch zu einer Vergiftung der Fledermäuse (Dietz et al. 2007, Häussler & Braun 2003).