Bundesamt für Naturschutz

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Ökologie & Lebenszyklus

Ökologie der Art

Den Böhmischen Enzian findet man in Bayern und Oberösterreich auf bodensauren Magerrasen, während er in Böhmen darüber hinaus auch in nährstoffreicheren Wiesen, Halbtrockenrasen und in Braunseggenrieden vorkommt. Er gilt als konkurrenzschwache, lichtbedürftige Art und benötigt für die Keimung und Entwicklung immer wieder geeignete Lücken in der Pflanzendecke. Durch die Nutzung der Magerrasen als Weiden oder Mähwiesen werden diese Nischen geschaffen und die Konkurrenz durch andere Pflanzen gemindert. Nutzungsaufgabe, Düngung oder Aufforstung führen zu einer geschlossenen Pflanzendecke, in der sich der Böhmische Enzian nicht lange behaupten kann.

Während seiner zweijährigen Entwicklungsphase ist der Böhmische Enzian auf ganz bestimmte Feuchtigkeits- und Temperaturbedingungen angewiesen. Stimmen diese Bedingungen kann der Böhmische Enzian im zweiten Jahr zur Blüte gelangen.

Beschreibung des Lebenszyklus im Zusammenhang mit Landnutzungsaktivitäten

Der Böhmische Enzian ist eine vorwiegend zweijährige Pflanze. Nach der Keimung der Samen im Frühjahr bildet sich im ersten Jahr eine kleine, schwer auffindbare Blattrosette. Diese Jungpflanzen sind äußerst empfindlich gegenüber Trockenheit, aber auch gegenüber erhöhter Feuchtigkeit. Dadurch können Witterungsextreme schnell zum Absterben einer ganzen Jungpflanzengeneration führen. Welche Bedeutung die Ernährungspartnerschaft mit Bodenpilzen (Mykorrhiza) für das Wachstum der Jungpflanzen hat, ist bislang noch nicht vollständig geklärt. Gefunden hat man diese im Rahmen von wissenschaftlichen Untersuchungen bei allen Pflanzen des Böhmischen Enzians der untersuchten Wuchsorte (Zillig et al. 2010).

Im zweiten Jahr seiner Entwicklung wächst ab Mitte Juni der Blütenstängel aus der Grundblattrosette. An den deutschen Standorten blühen die Pflanzen zwischen Anfang August und September. Die Anzahl der Blüten pro Pflanze schwankt sehr stark und reicht von einer bis im Einzelfall über 80 Blüten (Dolek et al. 2010). Bei der Bestäubung sind die Blüten auf Insekten angewiesen. Als Blütenbesucher wurden zahlreiche Insekten, insbesondere Honigbienen, Hummeln und Schwebfliegen beobachtet. Nach der Samenreife stirbt die gesamte Pflanze ab. Die kugeligen, orange-braunen Samen fallen im direkten Umfeld der Mutterpflanze zu Boden. Im Boden können die Samen mehrere Jahre überdauern. Im Versuch waren nach vier Jahren noch 20 % davon keimfähig.

Auch bei gleichbleibender Nutzung der Flächen unterliegen die Individuenzahlen der Enzian-Bestände enormen Schwankungen. Dies könnte unter anderem an den Ansprüchen der Pflanze an die Witterungsbedingungen liegen, die je nach Lebensphase unterschiedlich sind: während sich für die Keimung viel Sonne positiv auswirkt, erwiesen sich im ersten Jahr hohe Niederschläge und Luftfeuchte als positiv, im zweiten Jahr jedoch als negativ. Die Ausbildung einer zumindest kurzzeitigen Samenbank im Boden dient der Art in Jahren mit schlechter Überlebensrate der Keimlinge oder fehlender Samenproduktion als Schutz gegen das Aussterben einzelner Bestände. Im Boden „gespeicherte“ Samen der Vorjahre können bei günstigen Bedingungen im nächsten Jahr keimen und neue Pflanzen bilden. Da der Enzian keine Ausläufer bildet, ist er ausschließlich auf die Vermehrung über Samen angewiesen. Für seinen Schutz ist es daher unabdinglich, Bedingungen zu schaffen, die für die Keimung der Samen und das Wachstum der Jungpflanzen förderlich sind.

Offene Bodenstellen in der Grasnarbe, die für Keimung und Entwicklung des Böhmischen Enzians nötig sind, entstehen bei traditioneller Nutzung (Beweidung) seiner Lebensräume durch den Tritt der Weidetiere. Aber auch Mahd kann sich positiv auswirken. Der erste Schnitt fand auf Mähwiesen traditionell im Juni/Juli vor der Blütenentwicklung und vor dem Längenwachstum des Triebes statt. Versuche haben gezeigt, dass bei beginnendem Triebwachstum der Verlust der Triebspitze durch Auswachsen von Seitenknospen ausgeglichen werden kann (Dolek 2010). Im Herbst, nach der Samenreife, wurde ein zweites Mal gemäht oder nachbeweidet. Von der Mahd oder Beweidung im Herbst profitierte der Böhmische Enzian auch durch die dabei erfolgende Ausbreitung seiner Samen. Ohne diese Nutzung würden diese großteils direkt neben der Mutterpflanze zu Boden fallen, während sie über das Mähgut und weidende Tiere über die gesamte Fläche verteilt werden können.