Bundesamt für Naturschutz

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Ökologie & Lebenszyklus

Ökologie der Art

Als Wochenstubenquartiere dienen der die Bechsteinfledermaus natürlicherweise Baumhöhlen, überwiegend Specht- und Fäulnishöhlen, in verschiedenen Baumarten (z.B. Eiche, Birke, Buche). Hin und wieder werden auch entsprechende Ersatzangebote in Form von Vogel- und Fledermauskästen genutzt (Schlapp 1990, Steinhauser 2002, Wolz 1986). Quartiere hinter Baumrinde oder in Felshöhlen werden meist nur von Einzeltieren bezogen (Červený & Bürger 1989, Steinhauser 2002), Gebäudequartiere werden nur selten genutzt (Brinkmann & Mayer 2007). Die Wochenstuben der Bechsteinfledermaus können sehr klein sein und weniger als 10 Weibchen, aber auch bis zu 80 Weibchen umfassen (Meschede & Heller 2000, Wolz 1992). Diese teilen sich fast täglich in immer wieder neu zusammengesetzte, kleine Untergruppen und nutzen mehrere Wochenstubenquartiere parallel zueinander (Kerth et al. 2002b). Diese werden in der Regel täglich bzw. alle zwei Tage, meist kleinräumig, gewechselt (Fuhrmann et al. 2002). In den Wochenstuben der Bechsteinfledermaus findet sich auch ein hoher Anteil (zum Teil sogar über 30 %) nicht säugender Weibchen (Kerth & König 1999, Pretzlaff et al. 2010). Die Jungweibchen kehren meistens wieder in ihre Geburtswochenstuben zurück, die somit aus eng miteinander verwandten Tieren bestehen. Jungmännchen hingegen wandern aus ihren Geburtsgebieten in die weitere Umgebung ab und leben wie alle Bechsteinfledermausmännchen einzeln (Kerth et al. 2000, Kerth et al. 2002a).

Die Jagdgebiete der Art liegen meistens in der näheren Umgebung der Wochenstubenquartiere in einem Umkreis von maximal 1,5 km, aber durchaus auch in bis zu 3,0 km Entfernung (Kerth et al. 2001, Steinhauser 2002). Nur in wenigen Ausnahmefällen befinden sich die Jagdgebiete auch in größeren Entfernungen (bis zu 8 km). In kleinen, verinselten Waldgebieten weichen die Bechsteinfledermäuse auf Jagdgebiete in halboffenen Landschaften oder Streuobstwiesen aus. Bei der Jagd konnten zwei unterschiedliche Verhaltensweisen beobachtet werden. Zum einen jagt sie im Bereich der Baumkronen, wobei der Flug mäßig schnell ist und sowohl Laub- als auch Nadelbäume umflogen werden. Zum anderen fliegt die Bechsteinfledermaus ca. 1-3 m über dem Boden in einem mäßig schnellen, wendigen Beutesuchflug und unterbricht den Flug hin und wieder durch das Umkreisen von Einzelbäumen (Meschede & Heller 2000, Wolz 1993).

Ein Großteil der Nahrung besteht aus nicht fliegenden oder flugunfähigen Insekten, die im Rüttelflug direkt von den Pflanzen oder auch vom Boden abgesammelt werden (Wolz 1993, Wolz 2002). Das Beutespektrum verändert sich jedoch im Verlauf des Sommerhalbjahres je nach Beuteverfügbarkeit. Neben Schnaken, ein Hauptbeutetier der Bechsteinfledermaus (Taake 1992, Wolz 2002), nimmt die Art auch Schmetterlinge, Käfer, große Mücken, Netzflügler, Hautflügler, Schaben, Wanzen, Laubheuschrecken und gelegentlich auch Spinnen und Weberknechte auf.

Ab Ende August schwärmen die Bechsteinfledermäuse vermehrt an Höhlen und Stollen. Ab dieser Zeit finden die Paarungen statt (Dietz et al. 2007, Kerth et al. 2003, Meschede & Heller 2000).

Angepasst an einen relativ konstanten Waldlebensraum (Kerth et al. 2002b) zeigen sowohl einzelne Männchen, als auch Wochenstubenverbände eine hohe Standort- und Quartiertreue (Hutterer et al. 2005, Schlapp 1990). Die weiteste bisher zwischen Sommer- und Winterquartieren festgestellte Entfernung betrug 53,5 km (Fairon 1967 zit. in Hutterer et al. 2005).

Die Winterquartiere der Bechsteinfledermaus befinden sich überwiegend in unterirdischen Stollen, Höhlen, Kellern und evtl. vereinzelt in Baumhöhlen (Meschede & Heller 2000, Schober & Grimmberger 1998). In den unterirdischen Winterquartieren verstecken sich die Bechsteinfledermäuse offenkundig in tiefe Spalten und sind daher nur selten sichtbar (Kugelschafter mdl.). Meist findet man dort nur Einzeltiere oder sehr selten kleine Gruppen von bis zu 10 Tieren (Schober & Grimmberger 1998).

Die Bechsteinfledermäuse nutzen mit einem nachgewiesenen Höchstalter von 21 Jahren (Henze 1979) über lange Zeiträume hinweg den gleichen Lebensraum.

Beschreibung des Lebenszyklus im Zusammenhang mit Landnutzungsaktivitäten

Ende April, Anfang Mai beziehen die Weibchen die Wochenstubenquartiere in Baumhöhlen. Die Geburten finden ab der ersten Junihälfte bis Mitte Juli statt. Meist wird nur ein Jungtier pro Weibchen geboren. Die Männchen verbringen den Sommer einzeln oder in kleinen Gruppen in Baumhöhlen oder hinter Baumrinde. Ab Ende August lösen sich die Wochenstuben wieder auf (Meinig et al. 2004, Schober & Grimmberger 1998) und die Bechsteinfledermäuse schwärmen vermehrt an Höhlen und Stollen. Ab diesem Zeitpunkt bis zum Beginn des Winterschlafes können Paarungen stattfinden (Dietz et al. 2007, Kerth et al. 2003). Von November bis März hält die Bechsteinfledermaus dann ihren Winterschlaf (Schober & Grimmberger 1998).

Da die Bechsteinfledermaus sowohl ihre Quartiere im Wald bezieht als auch zum überwiegenden Teil den Wald zur Jagd aufsucht, besteht ein enger Zusammenhang des Lebenszyklus mit der forstwirtschaftlichen Nutzung der Wälder. Die Forstwirtschaft kann das Vorkommen der Bechsteinfledermaus durch eine naturgemäße Waldwirtschaft mit ausreichend natürlichen Quartierangeboten (Baumhöhlen) und geeigneten Jagdgebieten fördern (Meschede & Heller 2000, Schlapp 1990). Da Bechsteinfledermäuse überwiegend entlang von Leitelementen wie Waldrändern, Hecken und Feldgehölzen fliegen, haben diese im Offenland eine besondere Bedeutung für die Vernetzung der Waldgebiete (Rudolph et al. 2004).

Auf den Einsatz von Insektiziden bei der Bekämpfung von Forstschädlingen, wie dem Maikäfer oder dem Prozessionsspinner, der nicht nur den Insektenreichtum minimiert, sondern auch zu einer Anreicherung der Giftstoffe in den Fledermäusen und damit zu einer Vergiftung der Tiere führt (Braun 1986), sollte zur Verbesserung der Lebenssituation der Bechsteinfledermaus verzichtet werden.