Bundesamt für Naturschutz

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Lokale Population & Gefährdung

Abgrenzung der lokalen Population

Die Abgrenzung der lokalen Population erfolgt nach Gruppen von Fledermäusen, die in einem lokalen Maßstab eine räumlich abgrenzbare Funktionseinheit (zu bestimmten Jahreszeiten) bilden, die wiederum für die Art von Bedeutung ist.

Als lokale Population der Wimperfledermaus ist im Sommer die Wochenstube anzusehen. Meist liegt die Koloniegröße bei 50-200, manchmal weit unter 50 oder sogar weit über 300 Weibchen (Friemel & Zahn 2004, Kretzschmar 2003). Die Wochenstuben sind im Grundsatz einfach gegeneinander abgrenzbar und werden von Dietz et al. (2006) als Grundeinheit bei der Bewertung des Zustandes von Populationen angesehen.

Bei der Wimperfledermaus wurden regelmäßig kleinräumige Wechsel zwischen verschiedenen Wochenstubenquartieren beobachtet (Reiter & Zahn 2006). Nutzt eine Wochenstube mehrere Quartiere, so bezeichnet man die Gesamtheit der genutzten Quartiere als Quartierverbund. Im Regelfall ist dieser räumlich klar abgrenzbar (z.B. innerhalb einer kleinen Ortslage). Alle Individuen eines solchen Verbundes sind demnach als Angehörige einer lokalen Population anzusehen. Aufgrund der Nutzung solcher Quartierverbunde und der versteckten Lebensweise der Tiere, ist eine Ermittlung der Koloniegröße als lokale Population in der Regel nur durch eine fachgutachterliche Untersuchung möglich.

Neben den Wochenstuben sind im Sommer die Männchenvorkommen und im Spätsommer Gruppen von Männchen und Weibchen in Paarungsquartieren als lokale Population anzusehen. Diese sind meist verstreut verteilt und lassen sich aufgrund fehlender Kenntnisse der Quartiere nur schwer als lokale Population abgrenzen. Häufig ist die Abgrenzung nur über die Ermittlung geeigneter Lebensräume (z.B. alle Individuen einer Ortslage) möglich.

Im Winter ziehen sich die Tiere einzeln oder in kleinen Gruppen in die Winterquartiere zurück. Da sich Tiere verschiedener Kolonien in einem Winterquartier versammeln können, entspricht die lokale Population im Winter nicht mehr der sommerlichen lokalen Population. Winterquartiere können sowohl während eines Winters, als auch im Verlauf der Jahre gewechselt werden. Daher bezieht sich je nach Winterquartiervorkommen die Abgrenzung der lokalen Population punktuell auf das einzelne Winterquartier oder auf den Raum eng (etwa < 100 m) beieinander liegender Winterquartiere.

Gefährdungsursachen

Die Wimperfledermaus ist hauptsächlich durch die Zerstörung von Quartieren und den zunehmenden Verlust kleinräumig gegliederter Lebensräume gefährdet. Seit den 1950er Jahren hat der Lebensraumverlust und Pestizideinsatz vermutlich zu einem starken Rückgang der Art, vor allem im Norden ihres Verbreitungsgebietes, geführt (Dietz et al. 2007, Friemel & Zahn 2004).

Land- und Forstwirtschaft

  • Verlust von Jagdgebieten und Flugrouten durch Zusammenlegung landwirtschaftlicher Flächen zu größeren Schlägen, die zum Verschwinden von Hecken und Säumen führen und kleinräumig gegliederte, insektenreiche Kulturlandschaften zerstören
  • Der Einsatz von Insektiziden und Herbiziden in der Land- und Forstwirtschaft reduziert die Nahrungsgrundlage der Wimperfledermaus und vergiftet die Tiere durch Anreicherung der Giftstoffe in ihren Körpern
  • Verschlechterung des Lebensraumes durch Reduktion von Laubwälder z.B. durch Aufforstung mit nicht standortheimischen Baumarten (z.B. Douglasie (Goßner 2004)), die zu einer Verarmung der Artengemeinschaft (z.B. Insekten und Spinnen) führen
  • Verlust von Jagdgebieten und Flugrouten durch Reduktion natürlicher oder naturnaher Waldränder
  • Strukturwandel in der Landwirtschaft durch Rückgang der Milchviehwirtschaft

Sonstige

  • Verlust von Quartieren und Quartiermöglichkeiten in Siedlungen durch Renovierungs- und Sanierungsarbeiten an Gebäuden und damit einhergehende Veränderungen im oder am Quartier wie z.B. an der Ein- und Ausflugöffnung
  • Vergiftung der Tiere durch Holzschutzmittelbehandlungen in Dachstühlen
  • Direkte Verfolgung oder Quartierverlust durch Verschluss von Quartieren, wegen besonderer Abneigung gegenüber Ansammlungen von Fledermäusen oder deren Exkrementen
  • Beeinträchtigung des Quartiers durch Anstrahlen der Ein- und Ausflugöffnungen (häufig z.B. an historischen Gebäuden mit Wimperfledermauskolonien) und durch Lichtanlagen in Winterquartieren (z.B. Dauerbeleuchtung)
  • Lebensraumverlust durch Altholz- und Totholzentnahme, insbesondere in Bayern wird in Waldbeständen (wie Hangschluchtwäldern und Auwäldern), in denen sich bisher keine Holznutzung lohnte, verstärkt Holznutzung für Brennholz betrieben
  • Verlust von geeigneten Winterquartieren (Bergwerke, Stollen) durch nicht fledermausgerechten Verschluss der Eingänge als Sicherungsmaßnahme gegen unbefugtes Betreten
  • Lebensraumverlust durch Siedlungserweiterungen am Ortsrand und damit Verlust von Streuobstwiesen, Hecken, Baumreihen und gewässerbegleitenden Gehölzreihen, die sowohl als Jagdgebiet als auch als Flugroute dienen
  • Jagdgebiets- und Flugroutenverlust durch Reduzierung insektenreicher Landschaftsbestandteile wie Hecken, Feldgehölze, Säume oder Brachen z.B. bei Flurbereinigungen
  • Verlust von Jagdgebieten durch Reduktion natürlicher oder naturnaher, breiter (mehr als 5 m) Gewässerrandstreifen mit Gehölzen und Einzelbäumen
  • Gefährdung des Quartier- und Nahrungsangebotes durch die Modernisierung oder Aufgabe von traditionellen Kuhställen
  • Klebende Fliegenfänger in Stallungen als tödliche Falle für Wimperfledermäuse bei der Jagd
  • Gefährdung der Art durch Störung (Lärm, Blitzlichter von Fotoapparaten, Vandalismus) durch Tourismus in Höhlen und Stollen, da die Wimperfledermaus meist größere Stollen und Höhlen aufsucht, die besonders attraktiv für Höhlentouristen sind
  • Aufgrund der eng an Leitelemente gebundenen, bodennahen Flugweise der Wimperfledermaus besteht eine erhöhte Kollisionsgefahr an Verkehrswegen, an breiteren Straßen entsteht ein Barriereeffekt, da diese nicht gequert werden

Überblick zum Status der Art

FFH -Richtlinie II, IV
Rote Liste Deutschland (Meinig et al. 2009) 2 (Stark gefährdet)
Rote Liste Europa (Temple & Terry 2007) LC (Nicht gefährdet)
Verantwortlichkeit (Meinig et al. 2009) -
Erhaltungszustand in den biogeografischen Regionen gemäß  Nationaler Bericht 2013 Atlantische Region: ungünstig – schlecht; kontinentale Region: ungünstig - unzureichend; alpine Region: unbekannt