Bundesamt für Naturschutz

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Lokale Population & Gefährdung

Abgrenzung der lokalen Population

Die Falter sind vergleichsweise standorttreu. Meist sitzen sie, vor allem bei stärkerer Bewölkung, mit geschlossenen Flügeln auf Gräsern oder Büschen. Bei Sonnenschein hingegen sind die Männchen sehr aktiv. Sie fliegen mit wenigen Pausen ununterbrochen patrouillierend über die Gras-, Kraut- und Strauchschicht, während die Weibchen häufiger sitzen, Blüten besuchen oder Eiablagestellen suchen. Das Ausbreitungspotential des Wald-Wiesenvögelchens wird als gering eingeschätzt, da geradlinige längere Flüge nicht beobachtet werden. Ein gelegentlicher Austausch zwischen benachbarten Lebensräumen ist jedoch nachweislich selbst über geschlossenen Hochwald hinweg möglich (kurzfristige Neubesiedlung von Lichtungen über Distanzen von 0,5 –1 km sind im Schönbuch belegt).

Fang-Wiederfang-Studien in einer Metapopulation in Schweden (Cassel-Lundhagen & Sjörgen-Gulve 2007) ergaben ebenfalls, dass die Art sehr standorttreu ist. Die Mehrheit der wieder gefangenen Falter blieb innerhalb der Teilfläche, in der sie markiert worden war. Die maximale Flugdistanz innerhalb einer Teilfläche betrug 275 m. Der Anteil wechselnder Tiere zwischen Teilflächen war gering, die maximale Flugdistanz zwischen zwei Flächen betrug 1.200 m. Auf größeren Flächen und in größeren Teilpopulationen wurden größere Strecken zurückgelegt. Größere Flächen erhielten mehr Zuwanderer, es wanderten jedoch nicht mehr Tiere aus größeren Flächen ab.

Aufgrund dieser geringen Mobilität der Art kann die lokale Population relativ eng abgegrenzt werden. Bei Entfernungen von 500-1.200 m zwischen Lebensrauminseln kann davon ausgegangen werden, dass eine Verbindung zwischen den Vorkommen besteht. Im Einzelfall müssen jedoch verschiedene Faktoren (z.B. Größe der Fläche, evtl. Anzahl und Dichte der Lebensrauminseln, etc.) berücksichtigt werden, die die Mobilität beeinflussen. Aktuell sind viele Bestände jedoch isolierte Restvorkommen. Bei diesen sollte die lokale Population so abgegrenzt werden, dass alle regelmäßig beflogenen Bereiche eingeschlossen sind. Bei Kernflächen > 2 ha sollten nicht besiedelte Bereiche zwischen den Lebensräumen eingeschlossen werden.

Gefährdungsursachen

Die Lichtwaldart Coenonympha hero ist vor allem durch das Verschwinden ihrer Lebensräume im Rahmen der Land- und Forstwirtschaft stark gefährdet. Der Lebensraum widerspricht den aktuellen forstlichen Leitbildern für die Waldbewirtschaftung und entspricht keiner modernen landwirtschaftlichen Nutzung. Das Wald-Wiesenvögelchen ist sowohl gegenüber dem Fehlen von Nutzungseinflüssen im Wald, als auch gegenüber einer jährlichen, mehrschürigen oder sommerlichen Mahd oder starken Beweidung empfindlich. Im Wald erfordert es ein kontinuierliches Angebot ausreichend großer Lichtungen.

Land- und Forstwirtschaft

Folgende Gefährdungsursachen wirken sich nachhaltig negativ auf Vorkommen des Wald-Wiesenvögelchens aus:


  • Dauerhafte Aufgabe der Streunutzung im Alpenvorland, v.a. der Streumahd in mehrjährigen Turni
  • Die jährliche Mahd von Lebensräumen ist meist zerstörend, es gibt jedoch einzelne Gegenbeispiele aus südbayerischen Flussauen (siehe  Ökologie & Lebenszyklus)
  • Aufgabe der Beweidung (auch im Wald) mit sehr geringer Beweidungsstärke, die bracheartige Zustände belässt
  • Aufgabe der Nieder- und (oberholzarmen) Mittelwaldwirtschaft (v.a. Nordbayern, Baden-Württemberg)
  • Ausbleibende Neuentstehung von Lebensräumen als Folge der Vermeidung von Kahlhieben und des Gebotes der Wiederaufforstung von unbestockten Waldflächen in wenigen Jahren (§15, Waldgesetz für Bayern). Durch Plenterung, Femelhieb, Einzelstammentnahme u.ä. alternative Nutzungsprinzipien entstehen keine Lebensräume
  • Lebensraumverlust durch Aufforstung mit verschiedenen Baumarten; aktuelle Aufforstungen, meist mit Edellaubhölzern z.B. in Lebensräumen am Lech und im Schönbuch
  • Ungehinderte Entwicklung der Pflanzendecke; Flächen, auf denen keine Nutzung oder Pflege mehr erfolgt, verlieren ihre Lebensraumeignung mittelfristig durch Verbuschung und Baumbewuchs, in manchen Lebensräumen eventuell auch schon durch flächige, dichte Streufilzbildung
  • Aufwuchs der Pflanzendecke auf windgeschützten Wegseitenflächen (in Rheinland-Pfalz, Hunsrück, vermutlich deswegen ausgestorben)

Sonstige

Entwässerungsmaßnahmen in den Wäldern und Grundwasserabsenkung in den Auen ist aktuell nur noch selten von Bedeutung.


  • Fehlen naturschutzorientierter bzw. land- oder forstwirtschaftlicher Förderinstrumentarien (z.B. lässt der bayerische Erschwernisausgleich nur maximal 20 % Bracheanteil zu), die zu den spezifischen Lebensraumansprüchen des Wald-Wiesenvögelchens passen
  • Nach Modellrechnungen besteht ein sehr hohes Risiko durch den Klimawandel (Settele et al. 2008). Anhaltspunkte aus der Geländebeobachtung auf grundlegende Auswirkungen des rezenten Klimawandels liegen jedoch nicht vor, es sind jedoch auch keine gezielten Untersuchungen erfolgt
  • Die Anwendung aktueller forstlicher Leitbilder verhindert die Erhaltung und insbesondere Entwicklung von Lebensräumen des Wald-Wiesenvögelchens

Überblick zum Status der Art

Synonyme Waldfeuchtrasen-Graskleinfalter
Scheinsilberauge
FFH -Richtlinie IV
Rote Liste Deutschland (Reinhardt & Bolz 2011) 2 (Stark gefährdet)
Rote Liste Europa (van Swaay et al. 2010) VU (gefährdet)
Verantwortlichkeit (Reinhardt & Bolz 2011) -
Erhaltungszustand in den biogeografischen Regionen gemäß  Nationaler Bericht 2013 Atlantische Region: ungünstig – schlecht, kontinentale Region: ungünstig – schlecht