Bundesamt für Naturschutz

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Lokale Population & Gefährdung

Abgrenzung der lokalen Population

In den Niederlanden wurden durch eine Fang-Markierung-Wiederfangstudie Wanderungen der Art von bis zu 20 km nachgewiesen (Ruiter et al. 2007). Da hier jedoch Tiere auch noch in 80 km Entfernung zu den nächsten bekannten Fortpflanzungsgewässern gefunden wurden (Ketelaar et al. 2007), ist von einem noch wesentlich höheren Ausbreitungspotential auszugehen. Aus Asien gibt es Beobachtungen größerer Schwärme, die als gerichtete Wanderungen auch über größere Distanzen zu Überwinterungsquartieren gedeutet werden (Ellwanger & Mauersberger 2003). Die Mobilität der Imagines (Geschlechtsstadium) ist daher als außerordentlich hoch einzustufen. Dies deutet daraufhin, dass die Tiere bei der Suche nach Überwinterungsquartieren weite Entfernungen zurücklegen können. Außerdem dürfte die Art neue Gewässer auch über größere Distanzen erreichen und besiedeln. In Gebieten mit mehreren Fortpflanzungsgewässern, die nur wenige Kilometer auseinander liegen, dürfte i.d.R. ein Austausch zwischen den Vorkommen der einzelnen Gewässer bestehen – Fachleute sprechen auch von so genannten „Metapopulationen“.

Aufgrund der besonderen Lebensweise – bei der Sibirischen Winterlibelle überwintert die Imago – ist die Art auf einen räumlichen Verbund unterschiedlicher Teillebensräume angewiesen. Sie benötigt zum einen Fortpflanzungsgewässer, in denen die Tiere ihre Larvenentwicklung vollenden, und zum anderen Landlebensräume, in denen die Imagines einen großen Teil ihres Lebens verbringen. Für das Überleben einer lokalen Population ist daher das Fortpflanzungsgewässer allein nicht ausreichend. Vielmehr gehören zur Lebensstätte einer lokalen Population auch entsprechende Landlebensräume (blütenreiches Grünland und Gehölzstrukturen), die der Art zur Nahrungsbeschaffung und zur Überwinterung dienen. Diese Lebensräume können u.U. viele Kilometer von den Fortpflanzungsgewässern entfernt liegen.

In vielen Regionen, in denen die Art vorkommt, liegen die Fortpflanzungsgewässer isoliert, so dass sie – zusammen mit den entsprechenden Landlebensräumen der Umgebung (siehe  Ökologie & Lebenszyklus.) – die Lebensstätte der jeweiligen lokalen Population bilden. Dies trifft z.B. auf den oberschwäbischen Teil des Alpenvorlandes zu.

In zahlreichen Gebieten findet sich die Sibirische Winterlibelle auch in zusammenhängenden Gewässerkomplexen. Ein regelmäßiger Austausch zwischen den Gewässern dürfte hier auch bei einer Entfernung von einigen Kilometern stattfinden. So besiedelt die Art z.B. die unmittelbar an den Bodensee angrenzenden Seeriede in mehreren Teilgebieten. Ob in solchen Gebieten tatsächlich ein regelmäßiger Austausch zwischen den einzelnen Fortpflanzungsgewässern besteht, muss im Einzelfall geprüft werden. Ist dies der Fall, können ggf. nahe beieinander liegende Gruppen von Gewässern als lokale Population gewertet werden.

Gefährdungsursachen

Die Sibirische Winterlibelle ist vor allem durch Veränderungen ihrer Fortpflanzungsgewässer und ihrer Landlebensräume gefährdet. Diese Veränderungen sind zumeist eine Folge von Nährstoffeinträgen einerseits sowie der Aufgabe traditioneller Nutzungsformen (Streuwiesennutzung) andererseits.

Land-, Forst- und Fischereiwirtschaft

Gefährdungsursachen für die Sibirische Winterlibelle durch Bewirtschaftungsmaßnahmen stellen neben direkten und indirekten Nährstoffeinträgen aus landwirtschaftlichen Nutzungen vor allem auch Veränderungen der Landlebensräume der Art im Gewässerumfeld dar.

Nutzungsbedingte Gefährdungsursachen sind daher insbesondere:


  • Direkte oder indirekte Nährstoffeinträge in die Fortpflanzungsgewässer v.a. aus landwirtschaftlichen Nutzungen, hierdurch entwickelt sich eine dichtere Pflanzendecke, was sich aufgrund einer geringeren Sonneneinstrahlung auf den Wasserkörper negativ auf die Bestände der Art auswirkt
  • Verlust von Landlebensräumen (blütenreiches Grünland, lichte Gehölzbestände) im Gewässerumfeld
  • Zerstörung von Niedermooren durch Grundwasserabsenkung
  • Abtorfung und Aufdüngung von Mooren zu Fettwiesen
  • Fischbesatz (Teichwirtschaft)
  • Brachfallen von Frisch-, Nass- und Streuwiesen infolge von Nutzungsaufgabe (i.d.R. einschürige Mahd im Herbst), hierdurch kommt es zu einer Entwicklung dichterer Pflanzenbestände und beschattender Gehölze

Sonstige

  • Extrem niedrige Wasserstände im Frühjahr und Sommer können z.B. am Bodensee zur Austrocknung von Fortpflanzungsgewässern führen; durch den Klimawandel könnten solche Ereignisse zukünftig häufiger eintreten
  • Zunehmende Freizeitnutzung v.a. in den Larvalgewässern (Trittschäden, Wellenschlag durch Motorboote)
  • Fischbesatz durch Angelnutzung

Überblick zum Status der Art