Bundesamt für Naturschutz

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Lokale Population & Gefährdung

Abgrenzung der lokalen Population

Die Schweinswale des Atlantiks und des Pazifiks gelten als verschiedene Unterarten (Phocoena phocoena phocoena bzw. Phocoena phocoena vomerina); eine weitere ist für das Schwarze Meer anerkannt (Phocoena phocoena relicta) (Viaud-Martinez et al. 2007). Darüber hinaus existieren in Europa weitere genetisch und morphologisch eigenständige (Sub-)Populationen, u.a. in der Nordsee, im Kattegat-Beltsee und in der zentralen Ostsee (Palmé et al. 2004, Evans & Teilmann 2009, Wiemann et al. 2010). Diese drei Vorkommen scheinen schon relativ lange kaum genetischen Austausch miteinander zu haben, wenn man bedenkt, wie jung die Ostsee in geologischen Zeiträumen ist. Die Aufenthaltsorte von 82 mit Sendern in der dänischen Beltsee und im Skagerrak markierten Schweinswalen ergaben auch eine deutliche räumliche Trennung der beiden Vorkommen (Sveegaard 2011). Eine populationsbiologische Unterteilung innerhalb der Nordsee-Vorkommen ist bisher nicht eindeutig gelungen. Der gesamte Nordsee-Bestand könnte somit einer oder mehreren biologischen Populationen angehören und umfasst wenige hunderttausend Individuen.

Die Bestandsgrößen der Kattegat-Beltsee-Population und der zentralen Ostsee-Population sind in den vergangenen Jahren dramatisch zurückgegangen (Sveegaard 2011):


  • Beltsee: von geschätzten 11.900–64.500 Individuen (1994) auf nur 5.800–20.200 Individuen (2005)
  • Zentrale Ostsee: von geschätzten 200–3.300 Individuen (1995) auf nur 10–460 Individuen (2002).

Die Vorkommen in den deutschen Teilen von Nord- und Ostsee wurden ebenfalls wiederholt mit verschiedenen Methoden erfasst (Scheidat et al. 2004, 2006, 2008, Verfuß et al. 2006, 2007). Der Bestand in der Deutschen Bucht gehört dem großen Nordseebestand (möglicherweise mit mehreren Populationen) an, wohingegen in der Kieler und Mecklenburger Bucht südliche Anteile der Beltsee-Population vorkommen, die sich um Rügen herum jahreszeitlich mit der kleineren Population der zentralen Ostsee abwechseln. Damit liegen in der deutschen Nord- und Ostsee mindestens drei lokale Populationen vor.

Gefährdungsursachen

Der Schweinswal ist hauptsächlich durch Ersticken in Fischereigeschirr (Beifang) sowie durch Unterwasserlärm und schleichende Vergiftung gefährdet.

Fischereiwirtschaft

Weltweit kommen Schweinswale jährlich zu Tausenden in Fischereigeschirr, insbesondere in am Boden gestellten Kiemennetzen, ums Leben. Auch in deutschen und benachbarten Gewässern kommt es zu viel zu hohen Beifängen (Kock & Benke 1996, Skora & Kuklik 2003), die europaweit durch den Einsatz akustischer Scheuchgeräte – sogenannter Pinger – reduziert werden sollen (z.B. Palka et al. 2008). Obwohl der Einsatz von Pingern durch EU-Verordnung 812/2004 vorgeschrieben wurde, ist der Beifang vermutlich kaum zurückgegangen, da die Verordnung nur für bestimmte Fischereien und nur für einen kleinen Anteil der Flotte und nur für große Schiffe (> 12 m lang) gilt. Die vom Aussterben bedrohte Population der zentralen Ostsee könnte sich z.B. nur dann erholen, wenn der gesamte jährliche Beifang auf unter zwei Tiere in der gesamten Ostsee gedrückt werden könnte (Berggren et al. 2002). Da die bisher ergriffenen Reduktionsmaßnahmen nur ungenügenden Erfolg erbracht haben, schufen z.B. Koschinski & Strempel (2010) einen Maßnahmenkatalog, der eine erfolgreiche Beifangvermeidung garantieren soll.

Sonstige

  • Offshore-Industrie und Lärm-Emittenten
    Der starke Unterwasserlärm, der von Menschen in den Lebensraum des Schweinswals eingebracht wird, kann je nach Schalldruck von Verhaltensänderungen über Gehörschäden bis zum Tod führen. Hierbei sind neben der Schifffahrt vor allem knallartige Schalleinträge zu nennen, wie sie bei seismologische Erkundungen mit sogenannten Airguns, sowie bei Explosionen und durch Rammschall freigesetzt werden. Die fatalen Auswirkungen dieses Lärms auf sich akustisch orientierende Schweinswale in Nord- und Ostsee werden in jüngster Zeit zunehmend erkannt (Carstensen et al. 2006, Madsen et al. 2006, Lucke et al. 2007, Evans 2008, Gilles et al. 2009, Tougaard et al. 2009, Brandt et al. 2011).
    Southall et al. (2007) haben das weltweite Lärmproblem eingehend beleuchtet und bieten eine Reihe von  Gegenmaßnahmen.
  • Chemische Industrie und industrielle Einleiter
    Die Einleitung von Schwermetallen und kaum abbaubaren organischen Giften führen zu einer ständig anwachsenden Anreicherung z.B. im Fettgewebe der Schweinswale. Die negativen Auswirkungen, z.B. von polychlorierten Biphenylen (PCB) auf die Gesundheit (z.B. auf das Immunsystem) und auf die Fruchtbarkeit der Tiere sind schon seit Längerem bekannt (Kleivane et al. 1995, Berggren et al. 1999, Bruhn et al. 1999, Beineke et al. 2005, Strand et al. 2005, Law et al. 2008). Dabei wird regelmäßig auch der Grenzwert von 17 µg ΣPCB / g Körperfett überschritten, der bei Meeressäugern nachweislich zu Problemen bei der Fortpflanzung (Kannan et al. 2000) und zu höherer Sterblichkeit durch Infektionen führt (Jepson et al. 2005).

Überblick zum Status der Art

FFH -Richtlinie II, IV
Rote Liste Deutschland (Meinig et al. 2009) 2 (stark gefährdet)
Rote Liste Europa (www.iucnredlist.org/initiatives/europe) VU (gefährdet)
Verantwortlichkeit (Meinig et al. 2009) Verantwortlichkeit für Ostseepopulation möglich
Erhaltungszustand in den biogeografischen Regionen gemäß  Nationaler Bericht 2013 Atlantische Region: ungünstig – unzureichend, kontinentale Region: ungünstig – schlecht

Verbreitung