Bundesamt für Naturschutz

Hauptbereichsmenü



Lokale Population & Gefährdung

Abgrenzung der lokalen Population

Die Abgrenzung der lokalen Population erfolgt nach Gruppen von Fledermäusen, die in einem lokalen Maßstab eine räumlich abgrenzbare Funktionseinheit (zu bestimmten Jahreszeiten) bilden, die wiederum für die Art von Bedeutung ist.

Als lokale Population des Grauen Langohrs ist im Sommer die Wochenstube anzusehen. Meist liegt die Koloniegröße bei 10-30, in Einzelfällen auch bei bis zu 180 Weibchen. Die Wochenstuben sind im Grundsatz einfach gegeneinander abgrenzbar und werden von Dietz & Simon (2006) als Grundeinheit bei der Bewertung des Zustandes von Populationen angesehen. Beim Grauen Langohr wurde gelegentlich der Wechsel zwischen verschiedenen Wochenstubenquartieren beobachtet (Kiefer 1996, Simon et al. 2004). Nutzt eine Wochenstube mehrere Quartiere, so bezeichnet man die Gesamtheit der genutzten Quartiere als Quartierverbund. Im Regelfall ist dieser räumlich klar abgrenzbar (z.B. innerhalb einer kleinen Ortslage). Alle Individuen eines solchen Verbundes sind als Angehörige einer lokalen Population anzusehen. Aufgrund der Nutzung solcher Quartierverbunde und der versteckten Lebensweise der Tiere, ist eine Ermittlung der Koloniegröße als lokale Population in der Regel nur durch eine fachgutachterliche Untersuchung möglich.

Neben den Wochenstuben sind im Sommer die Männchenvorkommen und im Spätsommer Gruppen von Männchen und Weibchen in Paarungsquartieren als lokale Population anzusehen. Diese sind meist verstreut verteilt und lassen sich aufgrund fehlender Kenntnisse der Quartiere nur schwer als lokale Population abgrenzen. Häufig ist die Abgrenzung nur über die Ermittlung geeigneter Lebensräume (z.B. alle Individuen einer Ortslage) möglich.

Im Winter ziehen sich die Tiere einzeln oder in kleinen Gruppen in die Winterquartiere zurück. Da sich Tiere verschiedener Kolonien in einem Winterquartier versammeln können, entspricht die lokale Population im Winter nicht mehr der sommerlichen lokalen Population. Winterquartiere können sowohl während eines Winters, als auch im Verlauf der Jahre gewechselt werden. Daher bezieht sich je nach Winterquartiervorkommen die Abgrenzung der lokalen Population punktuell auf das einzelne Winterquartier oder auf den Raum eng (etwa < 100 m) beieinander liegender Winterquartiere.

Gefährdungsursachen

Wegen der strikten Bindung an Quartiere in und an Gebäuden, die sehr leicht bei Renovierungsarbeiten zerstört oder durch Verwendung schädlicher Holzschutzmittel beeinträchtigt werden können, hat sich der Bestand vermutlich deutlich verringert (Kiefer & Boye 2004). Auch die stärkere landwirtschaftliche Nutzung, die zu einer Reduktion des Insektenreichtums und kleinräumig untergliederter Kulturlandschaften führt, scheint einen negativen Effekt auf die Art zu haben und könnte für den bereits verzeichneten Rückgang der Populationen in einigen Regionen verantwortlich sein (Juste et al. 2008).

Land- und Forstwirtschaft

  • Lebensraumverlust durch Zusammenlegung von Flächen zu immer größeren Schlägen, die zum Verschwinden von Hecken, Säumen, usw. führen und kleinräumig gegliederte, insektenreiche Kulturlandschaften zerstören
  • Verlust von Jagdgebieten durch mehrfache Mahd insektenreicher Wiesen oder Umwandlung von Grünland in insektenärmeres Ackerland
  • Verschlechterung des Nahrungsangebotes durch Verringerung des Bracheanteils aufgrund erhöhter landwirtschaftlicher Nutzung von insektenreichen Brachen
  • Minimierung des Insektenreichtums durch den Einsatz von Insektiziden und Herbiziden in der Landwirtschaft
  • Jagdgebietsverlust durch den Verlust extensiv genutzter Streuobstwiesen (mit hochstämmigen Bäumen, maximal 2-schüriger Mahd, Verzicht auf Insektizide, Herbizide und Dünger)
  • Einsatz von Insektiziden in Wäldern zur Bekämpfung von Forstschädlingen minimiert die Nahrungsgrundlage des Grauen Langohrs und vergiftet die Tiere durch Anreicherung der Giftstoffe im Körper
  • Verlust von Jagdgebieten durch Reduktion natürlicher oder naturnaher, stufenreicher Waldränder

Sonstige

  • Vergiftung der Quartiere durch Holzschutzmittelbehandlungen in Dachstühlen (direkte Vergiftung)
  • Verlust von Quartieren und Quartiermöglichkeiten in Siedlungen durch nicht abgestimmte Renovierungs- und Sanierungsarbeiten an Gebäuden (ganzjährig)
  • Direkte Verfolgung oder Quartierverlust durch Verschluss von Quartieren, wegen besonderer Abneigung gegenüber Ansammlungen von Fledermäusen oder deren Exkrementen
  • Beeinträchtigung des Quartiers durch Anstrahlen der Ein- und Ausflugöffnungen (häufig z.B. an historischen Gebäuden) und durch Lichtanlagen in Winterquartieren (z.B. Dauerbeleuchtung)
  • Verlust insektenreicher Landschaftsbestandteile als Jagdgebiete und Leitelemente durch Reduzierung von Hecken, Feldgehölzen, Säumen und gehölzreichen Ortsrändern
  • Jagdgebietsverlust durch Siedlungserweiterungen, da Wiesen und Streuobstwiesen z.B. durch die Umnutzung dörflicher Obstgärten in Neubaugebiete verloren gehen
  • Verlust der Nahrungsgrundlage und Vergiftung der Fledermäuse (Anreicherung der Giftstoffe im Körper der Tiere) durch den Einsatz von Insektiziden und Herbiziden im Gartenbau

Überblick zum Status der Art

FFH -Richtlinie IV
Rote Liste Deutschland (Meinig et al. 2009) 2 (Stark gefährdet)
Rote Liste Europa (Temple & Terry 2007) LC (Nicht gefährdet)
Verantwortlichkeit (Meinig et al. 2009) -
Erhaltungszustand in den biogeografischen Regionen gemäß  Nationaler Bericht 2013 Atlantische Region: ungünstig – unzureichend; kontinentale Region: ungünstig – unzureichend