Bundesamt für Naturschutz

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Lokale Population & Gefährdung

Abgrenzung der lokalen Population

Bis 2009 stieg die Zahl der dauerhaft besiedelten Wuchsorte in Deutschland von ehemals drei auf sechs, zum Teil aufgrund der Anstrengungen im aktuellen Artenhilfsprogramm (weltweit 2009 ca. 76 Wuchsorte) (Dolek 2010). Die einzelnen Wuchsorte sind in Deutschland so weit voneinander isoliert, das kein genetischer Austausch über Samen oder Pollen stattfinden kann. Den Samen des Böhmischen Enzians fehlen spezielle Anhängsel (Widerhaken) oder Gebilde (Schirmchen), die es ihnen ermöglichen würden über große Distanzen ausgebreitet zu werden. Durch das Umbiegen des trockenen Stängels können die Samen jedoch über kurze Strecken fortgeschleudert werden. Fernausbreitungsmöglichkeiten bestehen zumindest potenziell über Weidetiere, die die Samen in Fell oder Klauen über die Weidefläche ausbreiten können. Allerdings fehlt heutzutage diese Vernetzung der einzelnen Wuchsorte durch Weidetiere und ein genetischer Austausch zwischen den Vorkommen ist somit nahezu ausgeschlossen. Dadurch kann jeder Wuchsort als eigene abgrenzbare lokale Population gewertet werden.

Gefährdungsursachen

Die wenigen Vorkommen des Böhmischen Enzians sind derzeit vor allem dadurch gefährdet, dass immer wieder Bestände durch vermeintliche Blumenliebhaber besammelt und dadurch dezimiert werden. Auch die Versauerung der Böden und der Wegfall einer für den Enzian günstigen Nutzung der Wuchsorte (Beweidung, Mahd) zählen zu den jüngeren Gefährdungsursachen. Früher spielten vor allem folgende Gefährdungsursachen eine Rolle:

Land- und Forstwirtschaft

  • Zunehmende Düngung in der Grünlandnutzung (nicht nur auf den Wuchsort-Flächen, sondern auch im direkten Umfeld)
  • Aufforstung von Borstgrasrasen bzw. Bergwiesen
  • Aufgabe der Nutzung vor allem mit Folge der Überwucherung durch konkurrenzstarke Gräser, Seggen und Gehölze
  • Änderung der Grünlandnutzung z.B. nicht an die Entwicklung des Böhmischen Enzians angepasste Bewirtschaftungszeitpunkte (während der Blüte bis zur Samenreife)
  • Mangel an Bewuchslücken oder Störstellen, die für die Samenkeimung benötigt werden, durch Nutzungsänderung bzw. Nutzungsaufgabe

Sonstige

  • „Botanikertourismus“ und unkontrollierte „Hilfsaktionen“, wie z.B. Samenentnahme und anschließende Aussaat (Berg 2001)
  • Trotz genau abgestimmter Mahd oder Beweidung erholten sich die Bestände bisher nicht nachhaltig. Als Ursachen werden folgende Faktoren angenommen:
    • Hohe Empfindlichkeit gegenüber Wetterextremen: häufig hohe Verlustraten schon bei der Keimung und hohe Sterblichkeit während der Wintermonate
    • Bodenversauerung: bei Bodenuntersuchungen wurden z.T. extrem niedrige pH-Werte und dadurch toxisch hohe Aluminium-Werte festgestellt
    • Eventuell könnte die Ernährungspartnerschaft, die die Art mit Bodenpilzen eingeht, durch Bodenversauerung gestört sein (Lauerer et al. 2010)
    • Aufgrund der niedrigen Individuenzahlen an allen bayerischen Wuchsorten ist eine genetische Verarmung zu befürchten

Zur Betrachtung/Analyse der Ursachen laufen Untersuchungen siehe  Programme & Projekte.

Überblick zum Status der Art

Synonyme Böhmischer Kranzenzian, Böhmischer Fransenenzian
FFH -Richtlinie II, IV
Rote Liste Deutschland (Ludwig & Schnittler 1996) 1 (Vom Aussterben bedroht)
Rote Liste Europa (Bilz et al. 2011) VU (Gefährdet)
Verantwortlichkeit (Ludwig et al. 2007) Besonders hohe Verantwortlichkeit
Erhaltungszustand in den biogeografischen Regionen gemäß  Nationaler Bericht 2013 Kontinentale Region: ungünstig – schlecht