Bundesamt für Naturschutz

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Lokale Population & Gefährdung

Abgrenzung der lokalen Population

Die Abgrenzung der lokalen Population erfolgt nach Gruppen von Fledermäusen, die in einem lokalen Maßstab eine räumlich abgrenzbare Funktionseinheit (zu bestimmten Jahreszeiten) bilden, die wiederum für die Art von Bedeutung ist.

Als lokale Population der Rauhautfledermaus ist im Sommer die Wochenstube anzusehen. Meist liegt die Koloniegröße bei 60 (Petersons 1990, Schmidt 1991, 1994c), manchmal sogar bei über 200 Weibchen (Zahn et al. 2002). Die Wochenstuben sind im Grundsatz einfach gegeneinander abgrenzbar und werden von Dietz et al. (2006) als Grundeinheit bei der Bewertung des Zustandes von Populationen angesehen. Bei der Rauhautfledermaus wurde regelmäßig ein kleinräumiger Wechsel zwischen verschiedenen Wochenstubenquartieren beobachtet (Heise 1983). Nutzt eine Wochenstube mehrere Quartiere, so bezeichnet man die Gesamtheit der genutzten Quartiere als Quartierverbund. Im Regelfall ist dieser auch innerhalb eines Waldgebietes räumlich klar abgrenzbar. Alle Individuen eines solchen Verbundes sind als Angehörige einer lokalen Population anzusehen. Aufgrund der Nutzung solcher Quartierverbunde und der versteckten Lebensweise der Tiere, ist eine Ermittlung der Koloniegröße als lokale Population in der Regel nur durch eine fachgutachterliche Untersuchung möglich.

Neben den Wochenstuben sind im Sommer die Männchenvorkommen und im Spätsommer Gruppen von Männchen und Weibchen in Paarungsquartieren als lokale Population anzusehen. Diese sind meist verstreut verteilt und lassen sich aufgrund fehlender Kenntnisse der Quartiere nur schwer als lokale Population abgrenzen. Häufig ist die Abgrenzung nur über die Ermittlung geeigneter Lebensräume (z.B. alle Individuen in einem Waldgebiet) möglich.

Im Winter ziehen sich die Tiere einzeln oder in kleinen Gruppen in die Winterquartiere zurück. Da sich Tiere verschiedener Kolonien in einem Winterquartier versammeln können, entspricht die lokale Population im Winter nicht mehr der sommerlichen lokalen Population. Winterquartiere können sowohl während eines Winters, als auch im Verlauf der Jahre gewechselt werden. Daher bezieht sich je nach Winterquartiervorkommen die Abgrenzung der lokalen Population punktuell auf das einzelne Winterquartier oder auf den Raum eng (etwa < 100 m) beieinander liegender Winterquartiere.

Gefährdungsursachen

Als typische Waldfledermausart, die ihre Quartiere überwiegend in Baumhöhlen bezieht, ist die Rauhautfledermaus hauptsächlich durch das Fällen von Höhlenbäumen und die Entnahme von stehendem Alt- und Totholz in gewässernahen bzw. -reichen Wäldern gefährdet.

Land-, Forst- und Fischereiwirtschaft

  • Verlust von Flugrouten und Jagdgebieten durch das Zusammenlegen von landwirtschaftlichen Flächen zu größeren Äckern, die zum Verschwinden von Hecken, Feldgehölzen, Baumreihen usw. führen (Flurbereinigung)
  • Verringerung des Insektenangebotes und Beeinträchtigung der Gesundheit der Tiere (z.B. geringere Fruchtbarkeit) durch den Einsatz von Insektiziden und Herbiziden in der Land- und Forstwirtschaft
  • Verlust von Quartieren durch das Fällen von Höhlenbäumen und der Entnahme von stehendem Alt- und Totholz mit Zwieselbildung, Rissbildung, Spaltenquartieren z.B. hinter abstehender Borke) und zu geringem Anteil an Alt- und Totholz in den Wäldern (besonders in gewässernahen bzw. -reichen Wäldern)
  • Verlust von Individuen durch Fällung von Höhlenbäumen und Bäumen mit dicker abstehender Borke (auch im Winter), hinter der die Rauhautfledermaus in ihrem Wochenstuben- bzw. Winterquartieren häufig nicht gefunden wird
  • Verlust von Jagdgebieten und Flugrouten durch Reduktion von Gehölzstreifen und natürlicher oder naturnaher, stufen- und unterholzreicher Waldränder
  • Jagdgebietsverlust durch Trockenlegung von Feuchtgebieten, Niedermooren und Kleingewässern in Wäldern
  • Verlust von insektenreichen Jagdgebieten besonders zur Zugzeit durch den Verlust von Auen, Auwäldern und Ufergehölzen entlang mittlerer und großer Flussläufe
  • Verringerung des Insektenangebotes in Wäldern durch die Vereinheitlichung der Wälder z.B. durch Trockenlegung, Verlust von Kleingewässern und durch die Erhöhung des Nadelholzanteils und Anpflanzung nicht standortheimischer Arten (z.B. Douglasie (Goßner 2004)), die zu einer Verarmung der Artengemeinschaft (z.B. Insekten und Spinnen) führen
  • Verringerung des Insektenvorkommens durch zu hohen Fischbesatz in der Teichwirtschaft oder Fischbesatz mit nicht heimischen Fischen (z.B. Graskarpfen) zur Reduktion des Gewässerbewuchses im Bereich von Jagdgebieten

Sonstige

  • Verlust insektenreicher Landschaftselemente als Jagdgebiete und Orientierungsmöglichkeit durch Reduzierung von Hecken, Feldgehölzen und Säumen (Flurbereinigung)
  • Verlust von Quartieren und Quartiermöglichkeiten durch nicht abgestimmte, unsachgemäße Renovierungs- und Sanierungsarbeiten an Gebäuden (z.B. Scheunen, Forsthäuser, jagdliche Einrichtungen) in Wäldern bzw. in Waldnähe (Zerstörung der Hangplätze, Einflugöffnungen), sowie Abriss von Gebäuden
  • Beeinträchtigung der Gesundheit der Tiere (z.B. Schwächung, geringere Fruchtbarkeit) durch den Einsatz von giftigen Holzschutzmitteln in den Quartieren
  • Beeinträchtigung des Nahrungsangebotes durch Einsatz von Insektiziden (z.B. Bekämpfung von Stechmücken mit Bacillus thuringiensis israelensis (Bti) (Petermann 2011, Zahn & Weiner 2004)
  • Verluste an Windkraftanlagen durch direkte Kollision mit den Rotorblättern und Schädigung durch starke Druckveränderungen im Einflussbereich der Rotoren (Barotrauma) (Baerwald et al. 2008) → zweithäufigste Schlagopferart
  • Gefährdung durch den Straßenverkehr (Haensel & Rackow 1996, Kiefer et al. 1995)
  • Direkte Verfolgung oder Quartierverlust durch Verschluss von Quartieren wegen besonderer Abneigung gegenüber Ansammlungen von Fledermäusen oder deren Exkrementen

Überblick zum Status der Art

FFH-RichtlinieIV
Rote Liste Deutschland (Meinig et al. 2009)* (Ungefährdet)
Rote Liste Europa (Temple & Terry 2007)LC (Nicht gefährdet)
Verantwortlichkeit (Meinig et al. 2009)-
Erhaltungszustand in den biogeografischen Regionen gemäß Nationaler Bericht 2013Atlantische Region: günstig; kontinentale Region: ungünstig - unzureichend; alpine Region: unbekannt