Bundesamt für Naturschutz

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Lokale Population & Gefährdung

Abgrenzung der lokalen Population

Die Abgrenzung der lokalen Population erfolgt nach Gruppen von Fledermäusen, die in einem lokalen Maßstab eine räumlich abgrenzbare Funktionseinheit (zu bestimmten Jahreszeiten) bilden, die wiederum für die Art von Bedeutung ist.

Als lokale Population des Großen Mausohrs ist im Sommer die Wochenstube anzusehen. Meist liegt die Koloniegröße bei unter 150, in Einzelfällen aber auch bei über 2.000 Weibchen (Boye et al. 1999, Simon & Boye 2004). Die Wochenstuben sind im Grundsatz einfach gegeneinander abgrenzbar und werden von Dietz et al. (2006) als Grundeinheit bei der Bewertung des Zustandes von Populationen angesehen. Nutzt eine Wochenstube zusätzlich zu ihrem Wochenstubenquartier ein Ausweichquartier, so sind alle Individuen der genutzten Quartiere Angehörige einer lokalen Population. Eine Ermittlung der Koloniegröße als lokale Population ist in der Regel nur durch eine fachgutachterliche Untersuchung möglich. Hierzu muss überprüft werden, ob Wechselbeziehungen mit anderen Quartieren (Ausweichquartieren) bestehen.

Neben den Wochenstuben sind im Sommer die Männchenvorkommen und im Spätsommer Gruppen von Männchen und Weibchen in Paarungsquartieren als lokale Population anzusehen. Diese sind meist verstreut verteilt und lassen sich aufgrund fehlender Kenntnisse der Quartiere nur schwer als lokale Population abgrenzen. Häufig ist die Abgrenzung nur über die Ermittlung geeigneter Lebensräume (z.B. alle Individuen einer Ortslage oder in einem Waldgebiet) möglich.

Im Winter ziehen sich die Tiere einzeln oder in kleinen Gruppen in die Winterquartiere zurück. Da sich Tiere verschiedener Kolonien in einem Winterquartier versammeln können, entspricht die lokale Population im Winter nicht mehr der sommerlichen lokalen Population. Winterquartiere können sowohl während eines Winters, als auch im Verlauf der Jahre gewechselt werden. Daher bezieht sich je nach Winterquartiervorkommen die Abgrenzung der lokalen Population punktuell auf das einzelne Winterquartier oder auf den Raum eng (etwa < 100 m) beieinander liegender Winterquartiere.

Gefährdungsursachen

Da das Große Mausohr eng an Gebäudequartiere gebunden ist, ist die Zerstörung oder Beeinträchtigung dieser Quartiere durch Renovierung, Ausbau, Abriss, Einsatz ungeeigneter Holzschutzmittel oder Verschluss die größte Gefahr (Dietz et al. 2007, Dolch 2002, Güttinger 1997, Kulzer 1986, 2003, Kulzer et al. 1987, Reiter & Zahn 2006). Eine weitere Hauptgefährdung der Art besteht durch bestimmte forstwirtschaftliche Maßnahmen, da Wälder der Art als Hauptjagdgebiete dienen und Baumhöhlen nicht nur von Männchen, sondern phasenweise auch von Weibchen intensiv genutzt werden.

Land- und Forstwirtschaft

  • Lebensraumverlust durch Zusammenlegung von landwirtschaftlichen Flächen zu größeren Äckern, die zum Verschwinden von Hecken und Säumen, die als Leitelemente dienen, führen und kleinräumig gegliederte, insektenreiche Kulturlandschaften zerstören
  • Reduzierung des Insektenangebotes durch Medikamenteneinsatz in der Viehhaltung (Entwurmung von Weidevieh) (vgl. Petermann 2011)
  • Umwandlung regelmäßig genutzter Wiesen oder Weiden, die zumindest phasenweise, wenn die Pflanzendecke kurz genug ist, von den Großen Mausohren als Jagdgebiete genutzt werden, in Ackerflächen (Grünlandumbruch)
  • Insektizid-/Herbizideinsatz im Wald (Maikäferbekämpfung) oder in der Landwirtschaft, der die Nahrungsgrundlage gefährdet oder zerstört und zur Giftanreicherung im Körper der Tiere führt
  • Anbau/Förderung nicht standortheimischen Baumarten (z.B. Douglasie (Goßner 2004)), die zu einer Verarmung der Artengemeinschaft (z.B. Insekten und Spinnen) führen
  • Starke Auflichtungen von Wäldern, die zur Verkrautung des Waldbodens oder zu sehr starker Naturverjüngung führen, können für das hauptsächlich am Boden jagende Große Mausohr zu Verlusten von Jagdgebieten führen
  • Verlust von Baumhöhlen (Quartierverlust), insbesondere auch an forstlich betrachtet „minderwertigen“ Bäumen wie stehendem Totholz, absterbenden Bäumen, Bäumen mit Schadstellen jeglicher Art

Sonstige

  • Verlust von Quartieren und Quartiermöglichkeiten durch Renovierungs- und Sanierungsarbeiten an Gebäuden und Großbrücken
  • Quartierverlust durch einen Verschluss der Ein- und Ausflugöffnungen an Quartiergebäuden zur Verhinderung der Einflugmöglichkeiten von Tauben, Dohlen u.a.
  • Beeinträchtigung des Quartiers durch Anstrahlen der Ein- und Ausflugöffnungen (v.a. an historischen Gebäuden mit Mausohrkolonien) und durch Lichtanlagen auf Dachböden und in Winterquartieren (z.B. Dauerbeleuchtung da Ausschalten vergessen wird, Schaltung über Bewegungsmelder)
  • Direkte Verfolgung oder Quartierverlust durch Verschluss von Quartieren, wegen besonderer Abneigung gegenüber Ansammlungen von Fledermäusen oder deren Exkrementen
  • Vergiftung der Tiere durch Holzschutzmittelbehandlungen in Dachstühlen
  • Beeinträchtigung der Sommer- oder Winterquartiere durch Störungen, wie touristische Führungen in Dachstühlen historischer Gebäude, Dacharbeiten, Reinigungsarbeiten zur Wochenstubenzeit, Höhlentourismus (u.a mit künstlichem Licht, wie Fackeln, Kerzen, Taschenlampen) und Vandalismus in Stollen und Höhlen im Herbst und Winter
  • Quartierverlust durch den Einfluss von Räubern (insbesondere Steinmarder und Schleiereulen), die durch ihre Anwesenheit eine Meidung der angestammten Quartiere verursachen
  • Beeinträchtigung oder Verlust von Winterquartieren, zum Beispiel durch Verschluss der Eingänge oder Veränderungen der klimatischen Situation im Quartier
  • Ein zunehmend an Bedeutung gewinnender Sonderfall der Beeinträchtigung von Quartieren ist die Anlage von Radwegen inkl. Beleuchtung in alten, nicht mehr genutzten Eisenbahntunneln. Diese werden auch von Großen Mausohren als Winterquartiere genutzt (Meinig et al. 2009, Skiba 2010).
  • Verlust zumindest zeitweise als Jagdgebiet genutzter Wiesen, Weiden und Streuobstwiesen durch Siedlungserweiterungen
  • Verlust von Landschaftsbestandteilen wie Hecken, Waldsäume, Feldgehölze, die als Leitelemente zur Orientierung genutzt werden
  • Verluste im Straßenverkehr (Kollision) und Zerschneidung von Lebensräumen durch Straßenbau

Überblick zum Status der Art

FFH-RichtlinieII, IV
Rote Liste Deutschland (Meinig et al. 2009)V (Vorwarnliste)
Rote Liste Europa (Temple & Terry 2007)LC (Nicht gefährdet)
Verantwortlichkeit (Meinig et al. 2009)In hohem Maße verantwortlich
Erhaltungszustand in den biogeografischen Regionen gemäß Nationaler Bericht 2013Atlantische Region: ungünstig – unzureichend; kontinentale Region: günstig; alpine Region: günstig