Bundesamt für Naturschutz

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Lokale Population & Gefährdung

Abgrenzung der lokalen Population

Die Abgrenzung der lokalen Population erfolgt nach Gruppen von Fledermäusen, die in einem lokalen Maßstab eine räumlich abgrenzbare Funktionseinheit (zu bestimmten Jahreszeiten) bilden, die wiederum für die Art von Bedeutung ist.

Als lokale Population der Bechsteinfledermaus ist im Sommer die Wochenstube anzusehen. Meist liegt die Koloniegröße bei 10-50, in wenigen Fällen auch bei bis zu 80 Weibchen. Die Wochenstuben sind im Grundsatz einfach gegeneinander abgrenzbar und werden von Dietz et al. (2006) als Grundeinheit bei der Bewertung des Zustandes von Populationen angesehen. Bei der Bechsteinfledermaus wurden regelmäßige Wechsel zwischen verschiedenen Wochenstubenquartieren festgestellt (Kerth 1998, Kerth et al. 2002b, Wolz 1986). Nutzt eine Wochenstube mehrere Quartiere, so bezeichnet man die Gesamtheit der genutzten Quartiere als Quartierverbund. Im Regelfall ist dieser auch innerhalb eines Waldgebietes räumlich klar abgrenzbar. Alle Individuen eines solchen Verbundes sind demnach als Angehörige einer lokalen Population anzusehen. Aufgrund der Nutzung solcher Quartierverbunde und der versteckten Lebensweise der Tiere, ist eine Ermittlung der Koloniegröße als lokale Population in der Regel nur durch eine fachgutachterliche Untersuchung möglich.

Neben den Wochenstuben sind im Sommer die Männchenvorkommen und im Spätsommer Gruppen von Männchen und Weibchen in Paarungsquartieren als lokale Population anzusehen. Diese sind meist verstreut verteilt und lassen sich aufgrund fehlender Kenntnisse der Quartiere nur schwer als lokale Population abgrenzen. Häufig ist die Abgrenzung nur über die Ermittlung geeigneter Lebensräume (z.B. alle Individuen in einem Waldgebiet) möglich.

Im Winter ziehen sich die Tiere einzeln oder in kleinen Gruppen in die Winterquartiere zurück. Da sich Tiere verschiedener Kolonien in einem Winterquartier versammeln können, entspricht die lokale Population im Winter nicht mehr der sommerlichen lokalen Population. Winterquartiere können sowohl während eines Winters, als auch im Verlauf der Jahre gewechselt werden. Daher bezieht sich je nach Winterquartiervorkommen die Abgrenzung der lokalen Population punktuell auf das einzelne Winterquartier oder auf den Raum eng (etwa < 100 m) beieinander liegender Winterquartiere.

Gefährdungsursachen

Der Hauptgefährdungsfaktor ist eine starke forstwirtschaftliche Nutzung der Wälder, insbesondere die Entfernung von Altbaumbeständen und Höhlenbäumen (Meschede & Heller 2000). Außerdem kann eine Reduktion von Leitelementen in der Offenlandschaft wie Hecken, Feldgehölzen oder Baumreihen zu einer akuten Gefährdung einer Kolonie werden, da dadurch die Verbindung zwischen den Jagdgebieten und Wochenstubenquartieren verschlechtert werden kann.

Land- und Forstwirtschaft

  • Quartierverlust durch die Entnahme von Alt- und stehendem Totholz (auch Höhlenbäume) oder von forstlich betrachtet wertlosen Bäumen (z.B. mit Zwieseln, Schadstellen)
  • Verlust von Jagdgebieten durch Reduktion natürlicher oder naturnaher, stufenreicher Waldränder und mehrschichtiger Laubwälder (besonders Laubwälder mit einheimischen Eichen)
  • Lebensraumverlust durch z.B. die Verringerung alter Wälder (über 120 Jahre) oder frühzeitige Ernte
  • Lebensraumverlust durch Aufforstung mit nicht standortheimischen Baumarten (z.B. Douglasie (Goßner 2004)), die zu einer Verarmung der Artengemeinschaft (z.B. Insekten und Spinnen) führen
  • Verschlechterung der Nahrungsverfügbarkeit und Gefährdung der Art durch Anreicherung der Giftstoffe im Körper der Tiere durch den Einsatz von Insektiziden in Wäldern zur Bekämpfung von Forstschädlingen
  • Verlust von Flugrouten/Jagdgebieten sowie Isolierung von als Jagdgebiet geeigneten Waldgebieten durch Zusammenlegung von landwirtschaftlichen Flächen zu größeren Schlägen, die zum Verschwinden von Hecken, Säumen, Streuobstbeständen usw. führen und kleinräumig gegliederte, insektenreiche Kulturlandschaften zerstören
  • Quartierverlust durch Verlust von Streuobstbeständen (v.a. in Süddeutschland)

Sonstige

  • Verlust insektenreicher Landschaftsbestandteile durch Reduzierung von Hecken, Feldgehölzen, Säumen und Streuobstwiesen z.B. bei Siedlungserweiterungen, die als Orientierungsmöglichkeit bei Flügen in die Jagdgebiete oder als Jagdgebiete an sich dienen
  • Verlust von geeigneten Winterquartieren (z.B. Höhlen) durch nicht sachgemäße Sanierung oder Umnutzung (z.B. Eisenbahntunnel, Stollen, Keller, Durchlässe)
  • Beeinträchtigung von Quartieren durch die Anlage von Radwegen in alten, nicht mehr genutzten Eisenbahntunneln, die häufig als Winterquartiere, im Sommer aber auch als Männchen- oder Paarungsquartiere genutzt werden (Meinig et al. 2009)
  • Kollisionsgefahr an Verkehrswegen

Überblick zum Status der Art

FFH-RichtlinieII, IV
Rote Liste Deutschland (Meinig et al. 2009)2 (Stark gefährdet)
Rote Liste Europa (Temple & Terry 2007)VU (Gefährdet)
Verantwortlichkeit (Meinig et al. 2009)In hohem Maße verantwortlich
Erhaltungszustand in den biogeografischen Regionen gemäß Nationaler Bericht 2013Atlantische Region: ungünstig – schlecht; kontinentale Region: ungünstig – unzureichend; alpine Region: unbekannt