Bundesamt für Naturschutz

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Lokale Population & Gefährdung

Abgrenzung der lokalen Population

Die Europäische Sumpfschildkröte gilt als ortstreu und hält sich überwiegend im Bereich ihrer Wohngewässer auf. Sie kann aber auch in Folge der Verschlechterung der Lebenssituation, z.B. beim Austrocknen der Wohngewässer oder auf der Suche nach geeigneten Eiablageplätzen, Strecken von mehr als 1.000 m zurücklegen (Fritz & Günther 1996, Fritz 2003, Schneeweiß 2003).

Lokale Populationen sind Individuengruppen, die einen aufgrund seiner Lebensraumausstattung geeigneten, abgrenzbaren Lebensraum besiedeln und sich hier fortpflanzen. Das können je nach betrachteter Population einzelne Stillgewässer oder Stillgewässerkomplexe mit den im Bereich liegenden Eiablageplätzen und angenommenen Wanderkorridoren sein. Im Norden Brandenburgs existieren mehrere lokale Populationen. In Hessen kann von jeweils einer abgrenzbaren, stark ausgedünnten Population an Fulda, Nidda und Gersprenz ausgegangen werden. Zum Siedlungsraum dieser lokalen Populationen gehören jeweils die Fließgewässerstrecken mit Ufern, den angrenzenden Stillgewässern, den Eiablageplätzen und anzunehmenden Wanderwegen. Sind die Vorkommen untereinander durch unüberwindbare Strukturen (verkehrsreiche Straßen, stark genutztes Ackerland u.ä.) getrennt, dann ist von einer schlechten Vernetzung der Vorkommen und gleichfalls von getrennten lokalen Populationen auszugehen (Groddeck 2006).

Gefährdungsursachen

Die Europäische Sumpfschildkröte ist vor allem durch Lebensraumzerstörung und Störungen im Lebensraum gefährdet.

Land-, Forst- und Fischereiwirtschaft

  • Verletzung oder Tötung von Tieren während der Überlandwanderungen durch Überfahren oder unangepasst eingestellte Mähwerkzeuge
  • Fang und Tötung von Tieren durch Reusen- (stark rückläufig) und Stellnetzfischerei
  • Zerstörung und Entwertung der Gewässerlebensräume durch Grundwasserabsenkung, Gewässerausbau und Verschüttung
  • Verlust von Sonnenplätzen in Folge von land-, forst- und fischereiwirtschaftlicher Nutzung (z.B. Aufgabe der Landnutzung, Grünlandumbruch, Aufforstungen, Entfernung von Treibholz im Gewässer)
  • Fortpflanzungsausfälle durch Zerstörung der Eiablageplätze in Folge von land- oder forstwirtschaftlicher Nutzung (z.B. Umbruch, Grubbern, Mulchen, Aufforstung im Bereich der Eiablageplätze)
  • Schadstoffeintrag in Gewässer

Sonstige

  • Verkehrsbedingte Tierverluste im Verlauf der Überlandwanderungen aufgrund der Zerschneidung der Landschaft im Umfeld der Schildkrötenvorkommen
  • Nutzung von Geländefahrzeugen innerhalb der Jahreslebensräume im Zuge der Jagdausübung
  • Gezielter Fang bzw. zufällige Aufnahme von Tieren zur Haltung in Terrarien oder Gartenteichen
  • Zusetzen von nicht einheimischen Tieren, z.B. Schmuckschildkröten aus Nordamerika, und dadurch bedingte Konkurrenz/Verdrängung
  • Zusetzen von nicht heimischen Europäischen Sumpfschildkröten aus anderen Regionen des Gesamtverbreitungsgebietes (z.B. Südeuropa) und dadurch Verlust der ursprünglichen Erbsubstanz mit der Anpassung an den spezifischen Lebensraum
  • Isolierung kleiner Einzelpopulationen
  • Gefährdung der Jungtiere und Gelege durch Fressfeinde wie Fuchs, Wildschwein und Dachs aber auch Marderhund und Waschbär
  • Eine Störung der Eiablage durch Hunde ist in Einzelfällen anzunehmen
  • Durch Menschen verursachte Störungen an den Wohngewässern, insbesondere Sonnenplätzen (Angler!) und Eiablageplätzen bedingt durch Nutzungsänderungen
  • Störung durch Schlittschuhläufer durch massive Lärmentwicklung unter Wasser
  • Möglicherweise Einflüsse des Klimawandels (z.B. Beschleunigung der Verlandung der Wohngewässer infolge geringerer Sommerniederschläge und höherer Sommertemperaturen)

Überblick zum Status der Art

SynonymeEuropäische (Gemeine) Teich-, Pfuhl-, Fluss-, Schlamm-, Wasserschildkröte
FFH-RichtlinieII und IV
Rote Liste Deutschland (Kühnel et al. 2009)1 (vom Aussterben bedroht)
Rote Liste Europa (Cox 2009)NT (Vorwarnliste)
Verantwortlichkeit (Kühnel et al. 2009)In besonderem Maße für hochgradig isolierte Vorposten verantwortlich
Erhaltungszustand in den biogeografischen Regionen gemäß Nationaler Bericht 2013Kontinentale Region: ungünstig – schlecht