Bundesamt für Naturschutz

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Lokale Population & Gefährdung

Abgrenzung der lokalen Population

Als Pflanze mit kriechendem Wurzelspross (Kull 1999, Kull & Kull 1991) bildet der Frauenschuh an seinen Standorten mehr oder weniger große geklumpte Vorkommen, die aus einem oder selten mehreren Klonen bestehen können. Die besten Keimerfolge der Samen sind im Bereich älterer Frauenschuh-Individuen zu verzeichnen, was mit dem dort vorhandenen und gut ausgebildeten Pilzmycel des Pilzpartners zusammenhängen soll (Kull 1999). Da gerade Keimlinge auf die artspezifische Mykorrhiza angewiesen sind, ist die Verjüngungsrate in Bereichen mit bestehenden Individuen besonders erfolgreich. Neue Lebensräume werden auch erschlossen, jedoch dauert es aufgrund der langen unterirdischen Lebensphase mehrere Jahre, bis die Pflanzen oberirdisch sichtbar werden (Kull 1988, 1995).

Basierend auf diesen Eigenschaften kann die Abgrenzung einer lokalen Population mehr oder weniger gut erfolgen. In Bereichen mit eher kontinuierlichem Vorkommen können nach Experteneinschätzung einzelne Hügel oder Hangabschnitte zur Abgrenzung lokaler Populationen herangezogen werden. In Bereichen mit zerstreuten bzw. stark isolierten Vorkommen, wie etwa den Arealvorposten im Nordosten Deutschlands, sind die lokalen Populationen leicht abzugrenzen. Jedes einzelne Vorkommen des Frauenschuhs kann dort als eigenständige lokale Population angesehen werden.

Gefährdungsursachen

Zu den Hauptgefährdungsursachen des Frauenschuhs zählt der zunehmende Nutzungswandel in Forst- und Landwirtschaft. In Wäldern mit rein ökonomisch ausgerichteter Nutzung und den damit zusammenhängenden kurzen Umtriebszeiten hat der Frauenschuh kaum eine Überlebenschance. Bestehende Vorkommen sind gefährdet durch:

Land- und Forstwirtschaft

  • Verlust lichter bzw. halbsonniger Waldelemente durch den Wegfall ursprünglicher Waldnutzungsformen in Form von Waldweide, Nieder- und Mittelwaldbewirtschaftung, Streunutzung und kleinflächiger Brennholzgewinnung
  • Beschattung bei zu dichtem Kronenschluss oder Verbuschung der Lebensräume. Dies führt zu einer verringerten Blüh- und Verjüngungsrate des Frauenschuhs bis zum Aussterben der betroffenen Bestände
  • Veränderung der Waldstruktur durch Anpflanzung standortfremder oder schnellwachsender Nadelhölzer
  • Forstbauliche Maßnahmen, im Besonderen durch den Einsatz großer Maschinen (Bau von Forststraßen, Holzentnahme, Rückeschneisen, Forstmulchen etc.), die geeignete Lebensräume beeinträchtigen, zerstören bzw. zerschneiden
  • Kahlschlag großflächiger Waldbereiche (Zerstörung des Lebensraumes und Trennung im genetischen Austausch stehender Vorkommen)

Sonstige

  • Mangelnde Pflege trockenwarmer Säume und angrenzender Kalkmagerrasen
  • Fehlende Verjüngung infolge ungeeigneter Keimbedingungen, v.a. bei zu starkem Konkurrenzdruck durch dichte Krautschicht
  • Verbiss und Fraß der Speicherorgane durch Wildtiere (z.B. Wildschweine, Rehe, Hirsche und Gämsen)
  • Illegales Pflücken und Ausgraben durch den Menschen
  • Verringerter Samenansatz infolge von Bestäubermangel. Dieser kommt zustande, wenn im weiteren Umkreis keine geeigneten Lebensräume für bestäubende Insekten, v.a. Sandbienen (Gattung Andrena), vorhanden sind oder Vorkommen des Frauenschuhs zu klein werden und damit ihre Attraktivität für Bestäuber verlieren (Nilsson 1979)
  • Alljährliches Abweiden der Blütenknospen durch Reh- und Rotwild sowie Hasen
  • Begrenzte Lebensdauer von Fichten-Altholzbeständen. Ein Zusammenbruch des Baumbestandes kann langfristig zum Verlust der Frauenschuh-Population führen
  • Verlust genetischer Vielfalt in kleinen Vorkommen durch verstärkte Kreuzung nah verwandter Individuen

Die Neugründung von Frauenschuhvorkommen ist gefährdet durch:


  • Ungeeignete Bodenbedingungen für das Pilzgeflecht des Symbiose-Pilzes. Herrschen zu saure oder zu basische Bedingungen für den Pilz, können sich keine Frauenschuh-Jungpflanzen entwickeln. Vermutlich ist auch die Stickstoffverfügbarkeit bzw. das C/N-Verhältnis ein entscheidender Standortfaktor
  • Starke Konkurrenz durch zu dichte Kraut- und Streuschicht

Die Lebensräume der Sandbienen sind sehr vielgestaltig. Die meisten gehören allerdings zu den Offenlandarten, die auf Magerrasen, Mähwiesen, Ruderalflächen oder Brachland vorkommen. Aufgelassene Sand-, Kies- und Lehmgruben stellen ebenso bevorzugte Lebensräume dar. Als Nistplätze werden ebene oder leicht geneigte Böschungen oder sonnenexponierte Abbruchkanten favorisiert. Der Pflanzenbewuchs der Nistplätze ist meist niedrig und eher lückig. Sind Nist- und Nahrungsbedingungen günstig, nisten zahlreiche Arten in großen Aggregationen (Westrich 1989).

Überblick zum Status der Art

FFH-RichtlinieII, IV
Rote Liste Deutschland (Ludwig & Schnittler 1996)3 (Gefährdet)
Rote Liste Europa (Bilz et al. 2011)NT (Vorwarnliste)
Verantwortlichkeit (Ludwig et al. 2007)Daten ungenügend, eventuell erhöhte Verantwortlichkeit zu vermuten
Erhaltungszustand in den biogeografischen Regionen gemäß Nationaler Bericht 2013Atlantische Region: ungünstig – schlecht, kontinentale Region: ungünstig – unzureichend, alpine Region: günstig